Gab es je ein ereignisreicheres Schachjahr?

In den medialen Jahresrückblicken dieser Wochen kommt Schach meist nur an einer Stelle vor. Vermerkt wurde allenfalls der Tod von Bobby Fischer (hier der Take des New York Times Magazine). Dabei war 2008 ein Jahr, das die Schachwelt so schnell nicht vergessen wird, meinem oberflächlichen Eindruck nach das ereignisreichste in der bisherigen Geschichte des Schachs.

2008 war das Jahr des ersten Grand Slam und des ersten (freilich gerade um sein Überleben kämpfenden) Grandprix, das wohl endgültige Ende der Ära Kramnik, des Aufstiegs von Magnus Carlsen in die absolute Spitze, des Karrierehöhepunkts Anands und der persönlichen Elobestleistung Topalows, das Jahr, in dem Schach-WM und Schacholympiade in Deutschland zusammenfielen, und auch das Jahr, in dem einige weitreichende Regeländerungen greifen wie die Ächtung des kampflosen Remis, des Zuspätkommens oder der Brettpunkte als Hauptkriterium in Teamwettbewerben und ja, natürlich auch das Todesjahr Bobby Fischers, der dem Schach im Westen einen kurzzeitigen Boom und zwei wichtige Reformideen hinterlassen hat.
Permanent_Brain - 27. Dez, 20:54

Quantität oder Qualität

Vermutlich trifft es wegen der zwei wichtigen Ereignisse für Deutschland zu, allerdings gab es 1910 sogar zwei Weltmeisterschaften in Deutschland (wobei einer davon jedoch in Wien begonnen wurde), Lasker-Schlechter(*) und Lasker-Janowski.

Bei solchen Einschätzungen haben verschiedene Publikumsgruppen verschiedene Perspektiven. Eine Schacholympiade hat m.E. nur für Schachfans irgendeine Bedeutung (und wohl selbst unter diesen für die meisten keine überragende); wirklich sensationell ist das nur für die persönlich irgendwie mitwirkenden, und darüber hinaus nur im engsten geographischen Umkreis der Veranstaltung.

Verkürzt gesagt, gab es bisher nur zwei Schachereignisse:

1. Fischers WM-Sieg 1972
2. Kasparov - Deep Blue(II) 1997

Diese werden wohl von den 2008er-Ereignissen selbst in Summe nicht übertroffen.

Ich interessiere mich für Schach und spiele es, aber über "Grand Slam" und "Grandprix" weiß ich nur daß das irgendwelche Top-Turniere sind die man so etikettiert hat, und letztere zum WM-Zyklusgemurkse dazugehören. Wenn bzw. sobald diese stattfinden, merkt man es eh.

Diese Dinge sehen natürlich innerhalb der Schachwelt anders aus bzw. werden anders gesehen als "jenseits des Tellerrandes." Dort fiel, wie ich befürchte, Schach 2008 vor allem auf als es neuerdings in Medienberichten auftauchte, welche unter dem Titel Doping erscheinen.

Trotzdem ein schönes 2009 allerseits! :-)

*) Manchen Quellen zufolge ist unklar, ob es bei Lasker-Schlechter 1910 schließlich tatsächlich um den WM-Titel ging, nachdem der Wettkampf von ursprünglich geplanten 30 auf 10 Partien verkürzt worden war.

Schachblog rank zero - 28. Dez, 17:16

Ein Witz, oder?

Wir müssen ja nicht zurückgehen bis zu jenem (unbestimmten) Jahr, als die Schatransch-Regeln durch die modernen ersetzt wurden, oder bis 1858, als der sagenhafte Siegeszug Morphys den Weg für ein neues Verständnis von Schach ebnete (mit Konsequenzen für das Spiel auf Jahrzehnte hinaus - wir könnten natürlich auch Jahrespunkte für die Steinitzsche Revolution ansetzen), oder bis 1924, als Capablanca erstmals ein klares Regelsystem für die WM-Herausforderung aufstellte, oder 1948, als dieses System aus der Hand eines einzelnen in ein allgemeinverbindliches überging).

Aber abgesehen von diesen und vielen anderen historischen Wendepunkten wird man die Ereignisse und Jahre einfach daran messen, wie sehr sie langfristig in Erinnerung bleiben. Für viele Schachspieler sind da klare Marken mit Sympathie besetzt: 1960 und Tal, 1972 und Fischer. Der größte Teil der 80 mit den K&K-Kämpfen.

[Die Meilensteine des Computerschachs nehme ich mal aus, die sind ohnehin ein eigenes Thema - wir hatten hier ja erst kürzlich mit der Rybka-Revolution eine sehr tiefgreifende Umwälzung.]

Für 2008 sehe ich wenig Vergleichbares an Gewicht. Für das lokale Deutschland mag die Konzentration etwas anders sein, aber auch hier zählt das Ergebnis: Wir können ja in 1-2 Jahren mal die Mitgliederzahlen im Schachbund vergleichen (oder, um fair zu sein, in 5-10 Jahren die Auswirkungen auf Deutsche in der Weltspitze anschauen). Ich bezweifle hier lange anhaltende Wirkungen der 2008er Ereignisse.

Gut möglich, dass wir irgendwann 2008 als das Jahr der verpassten Chancen sehen werden.

Permanent_Brain - 28. Dez, 22:32

Sie machten History, denn sie war'n scharf wie nie.

Wenn uneingeschränkt von "der bisherigen Geschichte des Schachs" die Rede ist, kann man zum Vergleich jedes Jahr in Betracht ziehen in dem mehrere herausragende Ereignisse stattgefunden haben, warum daher nicht 1910 mit zwei WMs?

Meine Beispiele 1972 und 1997 meine ich nicht so daß das "ereignisreiche Jahre" gewesen wären. Für diese Bezeichnung sollten es m.E. schon mindestens zwei oder mehr solcher wichtigen Ereignisse gewesen sein, nicht nur ein einziges. Aber manchmals ist eben ein einziges wichtiger als mehrere andere zusammen.

Ich glaube, daß 2008 überhaupt keine merkbaren positiven Wirkungen hinterlassen wird, jedenfalls keine größeren Maßstabs. Haben Schacholympiaden in der Vergangenheit jemals irgendeine Breitenwirkung erzielt? Wurden plötzlich die Schachklubs gestürmt, neue gegründet? Gehört habe ich jedenfalls nichts dergleichen.

Nebenbemerkung; diese Dresden-Schulschachstory kann man wohl auch nicht ganz zu den positiven Wirkungen zählen :-) Der amüsante Rückblick auf den infernalischen Abschluß dieser Bemühungen, der unlängst auf chessbase.de stand, erinnerte mich an Beschreibungen von Kafka oder von Dostojewski.

1997 war nicht nur ein Meilenstein des Computerschachs. Wäre es nur um Computerschach gegangen, hätte das Match es nicht in Haupt-Abendnachrichten und auf Titelseiten geschafft. Es ging um Schach an sich und wie sich seine Ausübung verändert. Heute reden Großmeister in fast jedem Interview darüber, wie sehr doch ihre Tätigkeit vom Computerschach mitgeprägt wird. Das begann zwar schon vor 1997, aber die Niederlage Kasparovs lieferte ein deutliches und allgemein verständliches Symbol für diese Entwicklung ab. Es markierte einen Wendepunkt. Danach wußte endgültig so ziemlich jeder wenigstens ungefähr Bescheid, selbst Leute die sich weder für Schach noch für Computer interessierten.
jopro - 5. Jan, 21:33

2008 war höchstens nett

1.) Grand Prix und Grandslam sind doch völlig uninteressant. Immer wieder spielen die gleichen Spieler Rundenturniere. Warum eines wichtiger sein soll, als ein anderes, ist mir unklar. Grand Prix und Grandslam kommen und gehen. Aber was bleibt sind Wijk, Linares und Monte Carlo.
2.) Kramnik mag momentan zu den besten Schachspielern der Welt gehören, aber das Ende der Ära Kramnik bemerkenswert zu nennen... wer wird sich in 20 Jahren noch dafür interessieren? Er hat es wohl nicht geschafft, die Schachwelt ähnlich Kasparov zu prägen.
3.) Dass dies das Jahr der persönlichen Elobestleistung von Topalow war, kann wohl nur die Meinung eines Pessimisten sein.
4.) Wie lange werden die "weitreichenden Regeländerungen" denn Gültigkeit haben?

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