Montag, 26. Mai 2008

Probiren wir andares mal

Am kommenden Montag sollte in Wien (ja der Schwerpunkt kriegt noch eine Fortsetzung) ein IM-Turnier beginnen, wie ich dem ÖSB-Terminkalender entnommen habe. Als Spielort war ein Café Melanie in Ottakring angegeben. Auf meine Anfrage, um wie viel Uhr die Runden sind und wer mitspielen soll, hat mir der Veranstalter nun mitgeteilt, dass er die Sache vorerst abblasen musste, weil es zu wenige Interessenten gegeben habe, schließt aber mit einem irgendwie optimistisch tönenden "probiren wir andares mal".

Der Veranstalter heißt Boban Bozinovic und hat vor vier Jahren ein solches Turnier (hier die FIDE-Auswertung) in Wien ausgerichtet. Damals brauchten zwei Spieler in der letzten Runde einen vollen Punkt, um eine IM-Norm zu erfüllen. Gernod Beckhuis, der damals unter den Teilnehmern war, berichtete mir angewidert, dass die beiden Partien nach gefühlten zehn Minuten bereits beendet waren. Natürlich jeweils mit dem gewünschten Punkt (wobei beide Nutznießer bis heute weder den Titel noch die erforderliche Elo haben). Geschobene Normen in Wien.

Ein Jahr später organisierte ich ein GM-Turnier in der Kunsthalle Wien. Da ich keine Sponsoren fand, bat ich den Wiener Schachverband um finanzielle Unterstützung. Diese sei nur in einer Form möglich, wurde mir ausgerichtet, nämlich durch Übernahme der Kosten für den Schiedsrichter. Mir schwante, dass der Verband also jemand aus den eigenen Reihen bezahlen wollte. Sorry, dass ich diesem Missbrauch von Mitgliedsgeldern nicht zustimmen wollte, aber ein Zuschuss in die defizitäre Turnierkasse war mir lieber. Für meine Naivität sollte ich bestraft werden.

Die Sekretärin des Wiener Schachverbands (unter dem neuen Vorstand soll sie übrigens im September ausscheiden) versprach immerhin, mir einen Träger des FIDE-Schiedsrichtertitels (zu denen sie selbst zählt) zu besorgen, der die Aufsicht führt, was keine Anwesenheit bedeutet und laut FIDE-Statuten auch völlig ausreicht, falls ein anderer Schiedsrichter anwesend ist (das war ich). Drei dem Verband nahestehende Wiener IS haben damals beim Turnier vorbeigeschaut. Aber wohlmöglich nur, um untereinander abzusprechen, dass keiner von ihnen ohne Geld die Tabelle unterzeichnen würde.

Als die Verbandssekretärin mir mitteilte, dass weder sie noch ihre Kollegen zeichnen wollten, war Lothar Schmid, der damals an mehreren Tagen als Besucher beim Turnier war, bereits wieder abgereist. Der mehrmalige WM-Schiedsrichter hätte jederzeit unterschrieben, wie er mir wiederholt versicherte. Aber mit bemerkenswerter Eile hatte die Sekretärin bereits dafür gesorgt, dass man bei einem unmittelbar zeitlich auf das Turnier folgenden FIDE-Seminar in Berlin darüber sprechen sollte, dass es nicht von einem Internationalen Schiedsrichter geleitet worden sei.

Mir gegenüber berief sie sich dann noch darauf, dass Dirk de Ridder von der ECU untersagt habe, dass Internationale Schiedsrichter nur Aufsicht führen. Als ich den Belgier später darauf ansprach, lachte er. Niemals könne er so etwas gesagt haben. Schließlich gebe es in Belgien ein regelmäßig stattfindendes Titelturnier, bei dem er, ohne selbst anwesend zu sein, die Aufsicht führe.

Es endete damals damit, dass der Deutsche Schachbund einen mir versprochenen Zuschuss nicht bezahlte, was mein persönliches Defizit auf wenig unter 1000 Euro schraubte. Meinen Informationen nach hätte ein Antrag des DSB auf Anerkennung der in Wien vor den Augen Hunderter Zuschauer und auf bekannten Websites und in Schachmagazinen dokumentierten GM-Norm und IM-Norm zweier Jugendnationalspieler in der FIDE-Titelkommission durchaus Chancen gehabt. Doch die Normen kamen erst gar nicht auf den Tisch (mit der Folge, dass Turniersieger Arik Braun ein Jahr länger auf den GM-Titel warten musste) aus Furcht, dass die Titelanträge abgelehnt werden könnten, weil die Unterschrift eines Internationalen Schiedsrichters fehlte. Was die Unterschriften einzelner Wiener Schiedsrichter wert sind, hat ihr Umgang mit den Turnieren des Boban Bozinovic und im Museumsquartier gezeigt.

Sonntag, 25. Mai 2008

Kasparow erneut angegriffen...

...diesmal nicht mit einem Schachbrett sondern einem fliegenden Penis. Kein Scherz. Ein mutmaßliches Mitglied von Putins Jugendorganisation hat tatsächlich einen Riesendildo auf einen fernlenkbaren Minihubschrauber gesetzt und während einer Rede Kasparows auf einer Veranstaltung der russischen Opposition Richtung Podium gesteuert, wo ein mutmaßlicher Sicherheitsmann das Teil abfing. Hier ist die saublöde Aktion als Video zu sehen. Chessdom kam bereits auf die glorreiche Idee, die am weitesten unter die Gürtellinie schlagenden Überschriften zu sammeln, z.B. "Flying dildo places chess genius in check", "Kremlin critic gets genital reminder about who's in charge" oder wie wär´s mit "Pawn star Garry Kasparov checkmated by flying penis"? Dass einige Kremlanhänger ihr Hirn in der Hose tragen, hatten sie freilich schon mit dieser früheren Anti-Kasparow-Aktion bewiesen.

Turnier der Remiskönige

Das Turnier der Könige heißt das Turnier im rumänischen Bazna, das am Samstag begonnen hat. Die Mehrzahl der Teilnehmer geht auf die sechzig zu oder hat sie schon überschritten. In dem Alter ist man, wenn man nicht Kortschnoi heißt, schneller mit einem halben Punkt zufrieden. Bei der ersten Auflage im vorigen Jahr endeten 82 Prozent der Partien remis. Wieso ein Sponsor so etwas unterstützt, ist mir ein Rätsel, aber offenbar war der Gasförderer RomGaz voriges Jahr zufrieden genug, es noch einmal zu tun. Die erste Runde gibt dieses Jahr allerdings auch kein besseres Omen: Alle fünf Begegnungen blieben ohne Sieger. Da muss sich dann freilich auch keiner grämen am Tabellenende zu stehen. Und wenn alles bis am Ende so weitergeht, kriegen wir elf Turniersieger.

Samstag, 24. Mai 2008

Wer nicht auf Schach angewiesen ist

Nach der Niederländischen Meisterschaft 2007 entschied Ivan Sokolov, dass er vorerst genug vom Profischach habe und seine Brötchen künftig leichter verdienen mag. Nämlich im Immobiliengeschäft in seiner alten Heimatstadt Sarajewo. Dort ist er seit Freitag beim traditionellen Frühjahrsturnier (Liveübertragung) seines alten Klubs Bosna Sarajewo auch am Brett wieder im Einsatz. Es ist sein erstes Einzelturnier nach einem Jahr. Damit kein Irrtum aufkommt: auch davor ist Sokolov in mehreren Ligen und Mannschaftswettbewerben aktiv geblieben. Und hat in der Zeit immerhin 20 Elopunkte auf aktuelle 2690 zugelegt. Sind Großmeister, wenn sie ihr Geld anderweitig verdienen, erfolgreicher?

Freitag, 23. Mai 2008

Kunsthallenschach

Um gleich beim aktuellen Wien-Schwerpunkt zu bleiben: Im Rahmen des Ausstellungsprojekts GAMES - Kunst und Politik der Spiele in der Kunsthalle Wien project space am Karlsplatz (ja, das ist da, wo die Public Viewings während der Schach-WM 2005 und 2007 liefen), die am nächsten Dienstag, den 27. Mai abends eröffnet wird und bis 6. Juli bei freiem Eintritt zu sehen ist, gibt es auch einige Schachtermine. Cokurator Ernst Strouhal lässt grüßen. Drei Termine entnehme ich dem Programm:
Am 1. und 2.Juni begleitet Michael Ehn auf einer surrealistischen Fahrt zum Schnellschachschaukampf Leko-Carlsen ins ungarische Miskolc.
Am 10.Juni ab 18 Uhr im Project Space präsentiert und dekonstruiert Strouhal einmal mehr für alle, die es noch nicht gesehen haben, Kempelens Schachtürken. Empfehlung!
Am 1.Juli um 11.15 Uhr trägt Strouhal anlässlich einer Tagung über Jüdische Geschichte über Antisemitismus im Schach vor.

Donnerstag, 22. Mai 2008

Aufbruchstimmung in Wien

Eine der Traditionen des Wiener Schachverbands besteht darin, dass der Präsident aus der Politik kommen muss, auf die Pension zugeht und vom Schach ziemlich wenig versteht. Christian Hursky erfüllt nur das erste dieser Kriterien. Der als hemdsärmlig und Machertyp beschriebene Mann aus dem Arbeiterbezirk Favoriten ist langjähriges Mitglied des SK Favoriten, kam zwar lange nicht mehr zum Spielen, hat sich aber in der SPÖ zum Nationalratsabgeordneten hochgedient und wird am kommenden Montag zum Nachfolger von Herbert Dinhof gewählt werden, der sich in elf Jahren Amtszeit zumindest nicht überarbeitet hat.

Alle drei Jahre mal das Wiener Rathaus zu checken, um dort auf den letzten Drücker ein Open zu organisieren, das dem Verband nicht einmal Geld in die Kassen spielt, um neue Projekte zu verwirklichen, ist einfach zu wenig. Zu Dinhofs Ehrenrettung ist zu sagen, dass er schon voriges Jahr abtreten wollte, aber kein Nachfolger in Sicht war. Differenzen innerhalb des Vorstands führten seitdem zu einer Kettenreaktion von Rücktritten, wonach über Monate kaum noch etwas weiterging, wobei auch davor schon wenig gelaufen ist. Die Einstellung der Wiener Schachnachrichten und die abnehmenden Leistungen des Verbandssekretariats mehrten die Unzufriedenheit. Die offizielle Website ist quasi eingefroren und wird derzeit an anderer Stelle aktualisiert.

Einige Funktionäre muckten auf und sorgten beim Verbandstag Ende März dafür, dass Dinhofs Vorstandsteam mit knapper Mehrheit das Vertrauen entzogen wurde. Womit das so genannte Revoluzzerteam aber möglicherweise gar nicht gerechnet hatte, denn ein eigenes Vorstandsteam hatten sie nicht vorzuweisen. So rauften sich der alte Vorstand, die Revoluzzerfraktion und einige Vereinsvorstände zusammen und kamen zu einer von Hursky angeführten Liste, die, wie es die Satzung will, offiziell vom alten Vorstand vorgelegt wird. Diese darf am Montag auf einer außerordentlichen Verbandssitzung bestätigt werden. Wie es in diesen Kreisen zur Gesichtswahrung üblich ist, machte Hursky zur Bedingung, nicht gegen Dinhof anzutreten. Dinhof wiederum darf behaupten, seinen Nachfolger ausgesucht zu haben.

Wien mangelt es also noch nicht an Funktionären. Zu wenig Engagement gibt es vielmehr im Nachwuchsschach, wie ich von René Schwab erfahren habe. Er hat sich angeboten, dieses Ressort, egal unter welchem Präsidenten, im Vorstand zu übernehmen. Nur drei Vereine in der Hauptstadt seien darauf eingestellt, jugendliche Spieler aufzunehmen. Trotz einiger auch beim Verband gemeldeten Schulschachgruppen und dem seit Jahren laufenden Schach im Hort-Projekt des Verbands sei Wien nicht nur beim relativen Anteil minderjähriger Spieler sondern sogar in absoluten Zahlen im Bundesländervergleich ganz hinten. Ansätze für eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit dürfen übrigens im ähnlich großen und auch in der Sozialstruktur vergleichbaren Hamburg abgeschaut werden.

Schwab sieht Aufbruchstimmung im Umfeld des Verbands. Der Vorsitzende des dank seiner Kinder- und Jugendarbeit größten Wiener Vereins SC Donaustadt ist optimistisch, dass der neue Vorstand einiges voranbringen wird und das nicht nur in dem von ihm verantworteten Nachwuchsbereich. Dafür wäre allerdings eine Beitragserhöhung fällig, zumal höhere Beiträge auch zu erheblichen Zuschüssen der Bundessportorganisation führen würden. Doch in den vielfach von Pensionisten geprägten Vereinen und den Betriebsschachgruppen, deren Beiträge oft von einem einzelnen Obmann getragen werden, stößt das traditionell auf erheblichen Widerstand. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass am Montag weniger über den neuen Vorstand gestritten wird als über die Beitragshöhe.

A Walk in the Park, a Game in the Dark

In einem Interview, das MTel-Chef Josef Vinatzer Dagobert Kohlmeyer gab, wurde die Frage, warum das Mutterunternehmen Telekom Austria nicht einmal in Österreich als Sponsor auftritt, leider nicht gestellt. Dafür stellte der MTel-Chef die richtige und begrüßenswerte Überlegung an, wenn die Spieler schon in einem relativ lärmgeschützten Glaskasten spielen, sie damit künftig dorthin zu bringen, wo mehr Leben und mehr Laufpublikum als in einem Saal wie dem Sofioter Militärklub ist, etwa in einem Park oder einem Einkaufszentrum. Zu bedenken ist freilich, wie man die Großmeister durch visuelle Ablenkungen von außen (einschließlich Zugsignalen) schützt, was beim MTel Masters durch Abdimmen der Umgebung gelöst war.

Die provisorische Weltrangliste

Ich war hier vor einigen Tagen zu faul zum Nachrechnen, wer genau im Gerangel um Weltranglistenplatz drei bis sechs vorne ist. Aber ein norwegischer Statistiker verfolgt, vermutlich angeregt durch die Erfolge eines gewissen jungen Landsmanns, fortlaufend die Situation über 2700 ziemlich genau und veröffentlicht seine Berechnungen, worauf mich Rainer Polzin dankenswerterweise aufmerksam gemacht hat, hier. Diese Liste bestätigt meine Vermutung, dass Iwantschuk die neue Nummer drei werden dürfte. Allerdings fehlt noch Carlsens Sieg vom vorigen Sonntag aus der Niederländischen Meesterklasse gegen Werle, der ihn um Punktesbreite an Topalow vorbei auf Rang vier befördern dürfte. Auch interessant: Im Juli ist mit bereits 28 Spielern ab 2700 zu rechnen.

PS am 28.Mai: Wenn das am 2.Juni endende Bosna Sarajewo-Turnier für die Juliliste noch ausgewertet wird, dürfte Morosewitsch den Kampf um Rang drei gewinnen, vielleicht sogar noch Kramnik einholen...

Mittwoch, 21. Mai 2008

Hübner in Wien

Schach ist im Leben von Robert Hübner nicht mehr das Wichtigste. Er selbst würde vielleicht bestreiten, dass es das je gewesen ist. Gelegentlich spielt der Kölner noch Liga in Finnland, Italien oder der Schweiz. In Deutschland hat er nach seinem unsanften Rauswurf beim OSC Baden-Baden keinen Verein mehr. Mehr Zeit und Muße widmet der promovierte Papyrologe derzeit einer Neuübersetzung der Ilias in Hexameterform.

Mit Schach befasst sich Hübner noch aus historischer Perspektive, etwa mit Emanuel Lasker. "Laskers frühe Schachlaufbahn" ist das Thema eines Vortrags, den er am Donnerstag, den 29.Mai ab 18 Uhr im Spiellokal der Austria Wien, dem Café Goldengel, Erdbergstraße 27 im dritten Bezirk halten wird. Es wird eine Mindestspende von 5 Euro an den veranstaltenden Verein erwartet und um Voranmeldung gebeten an herbert.titz@chello.at oder telefonisch an die Wiener Nummer 615 76 78.

Dienstag, 20. Mai 2008

Der Elospringer

Mehr als 200 Elopunkte in einer Liste gewinnen, geht das überhaupt? Stefan Macak hofft, dass es zumindest nicht verboten ist. Bei dem seit einigen Jahren in London lebenden Slowaken läuft es am Brett derzeit fantastisch. Bei der EM in Plowdiw (hier ein Foto) hat er mehr als 50 Punkte gewonnen, in den beiden Turnieren davor sogar jeweils an die 70 Punkte, in Differdange nicht ganz so viel, aber auch ein wenig. Mit 2340, Faktor 15, Spielstärke zwischen starkem IM und schwachem GM sowie einem fantastischen Lauf springt es sich leicht. Zumal wenn man, wie er, wegen seiner Zahl von vielen Gegnern unterschätzt wird, sagte mir der 23jährige in Plowdiw.

Dabei war er vorigen Sommer noch drauf und dran, Schach an den Nagel zu hängen. Seit er in England war, hatte er fast nichts gespielt. Er bekam wieder Lust und trainierte einen vollen Monat, doch sein erstes Turnier ging daneben. Er ließ sich dann überreden, noch ein zweites Turnier zu versuchen. Am Ende fehlte ihm ein halber Punkt zur GM-Norm. Nun hat er sich Zeit genommen, um mehr zu spielen, vor allem bis Ende Juni, solange er noch mit seiner alten Zahl gewertet wird. Bis dahin hofft er, seine erste GM-Norm zu schaffen, nachdem er schon mehrmals um einen halben Punkt oder an der Vorgabe, gegen drei Großmeister spielen zu müssen, gescheitert ist. Den Titel traut er sich nun jedenfalls zu. Will er nicht lieber etwas studieren, habe ich ihn gefragt. Nein, die Schulbank werde er in diesem Leben nicht mehr drücken. Da er sowieso eines Tages unternehmerisch tätig werde, brauche er keine formale Bildung. Sein Grips genügt.

Im Juli wird Macak die 2500 deutlich überschreiten. Von underrated auf overrated. Dann werde er wohl erst einmal wieder fleißig trainieren müssen, bevor er sich ans Brett traut, flachst Macak. So wie ihn der Schachvirus gepackt hat, dürfte diese Pause nicht lange währen.

Sonntag, 18. Mai 2008

Gerangel um Rang drei

Iwantschuk

Was zeichnet sich nach Sofia für die Juli-Weltrangliste (hier die April-Liste) ab? Vorne bei Anand (1) und Kramnik (2) bleibt alles beim Alten. Gleich vier Spieler drängeln sich dann allerdings bei etwa 2777 um Platz drei (zum ganz genauen Nachrechnen habe ich keine Lust, aber wie ich inzwischen weiß, tut ein Norweger das fortlaufend). Ganz knapp die Nase vorn haben könnte der derzeit nur an elf geführte Wassili Iwantschuk (Cartoon: M-Tel), der im M-Tel Masters mit 8 aus 10 Muckis bewiesen hat und dank seinem starken Ergebnis bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft, allerdings auch einem kleinem Minus aus der Bundesliga, vor Topalow, der seine zuletzt gefallene Zahl in Sofia etwas sanieren konnte, Carlsen, der ebenfalls etwa ein Dutzend Punkte zulegt, und Morosewitsch. Dagegen fällt Aronjan (war er je Letzter?) nach katastrophalen 3 aus 10 vorübergehend aus den Top Ten heraus.

PS Nachtrag zu unserem Posterboy. Hans Ree hat allein anhand der Videos aus Sofia ein tolles Stück über Iwantschuk geschrieben.

Neues von Tschernenko

Aus einem Interview von Juri Wassiljew ist einiges über den neuesten Strippenzieher des Schachs zu erfahren, Alexander Tschernenko, der Gata Kamsky managt und für dessen Match gegen Topalow in seiner ukrainischen Heimat ein nicht für möglich geglaubtes Nettopreisgeld von umgerechnet 500 000 Euro aufgestellt haben soll.

Wassiljew hat Tschernenko nicht in Kiew sondern in Accra, der Hauptstadt von Ghana telefonisch erreicht, wo dieser Konzessionen zum Schürfen von Diamanten erworben hat. Tschernenko reklamiert einige Erfahrung als Unternehmer. Er besaß eine Fabrik für Baustoffe und war Schulbuchverleger. Bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs habe er für die Wirtschaftsredaktion von Radio Free Europe gearbeitet.

Der heute 50jährige outet sich als Schachliebhaber. Im Dorf, in dem er aufwuchs, sei seine Leidenschaft belächelt worden. Tschernenko hatte wenig andere Möglichkeiten als Fernschach und später, während seines Studiums für das Team der Uni zu spielen. Heute habe er eine der größten, vielleicht die größte Schachbuchsammlung der Ukraine.

Kamskys Comeback erregte seine Aufmerksamkeit. Während des Tal-Memorials war er zufällig geschäftlich in Moskau, hat das Turnier besucht und Kamsky dort angesprochen, um ihm seine Hilfe anzubieten.

Dass es so lange gedauert habe, das angebotene Preisgeld, wie von der FIDE gefordert, vorzustrecken, erklärt Tschernenko mit Formalitäten. Schließlich sei es nicht leicht gewesen, die Banken zu überzeugen, um was es gehe, da es ja noch keinen Vertrag über das Match gibt. Dass es in Lwow stattfinden soll, erklärt Tschernenko mit der großen Schachtradition dieser Stadt, der gegenwärtigen Drohung, dass der Schachklub aus seinen angestammten Räumen am Markt ausziehen muss und um zu zeigen, dass die Ukraine in der Lage ist, internationale sportliche Spitzenevents auszutragen.

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