Sonntag, 21. Juni 2009

Verdienter Champion

Alexander Schwarzman ist wieder Dameweltmeister. Der überwiegend in Enschede ausgetragene WM-Kampf verlief denkbar knapp, was vor allem an der hohen Remisbreite dieses Spiels liegt. Keine einzige der zwölf regulären Partien hatte einen Sieger, so dass die Entscheidung bei verkürzter Bedenkzeit fallen musste (soweit stimmte die vom WM-Zweiten 2007 Mark Podolskij hier abgegebene Prognose). Den ersten Sieg landete Titelverteidiger Georgiew, dann kam Schwarzman zurück. Wieder unentschieden also vor dem zweiten Schnelldametag, an dem die Entscheidung nun fallen musste. Und hier gelang mit Schwarzman dem Spieler, der nahezu das ganze Match über die Akzente gesetzt hatte, als erstes die entscheidende dritte Gewinnpartie.

(Nachtrag) Eine interessante Episode ereignete sich vor der vierten Partie. Schwarzman verspätete sich um einige Minuten, weil der Bus, den er vom Hotel zum Spielort nahm durch Bauarbeiten aufgehalten wurde. Georgiew bat den Schiedsrichter, die bereits laufende Uhr seines Gegners wieder auf null zu drehen. In FIDE-hörigen Schachverbänden werden wir demnächst eine andere Situation erleben. Die Spieler und Zuschauer können heimgehen, weil es nach Meinung der Funktionäre im Schach kein schlimmeres Verbrechen gibt als Unpünktlichkeit.

(Nachtrag) Ein längerer Artikel über Dame und die Dame-WM ist in der Presse nachzulesen.

Samstag, 20. Juni 2009

Schöne neue Schachwelt

Vor einigen Monaten habe ich der mit einem Höchstmaß an Diagrammen und besonders niedriger Qualitätsschwelle angetretenen "Schach-Zeitung" ein kurzes, die Ausgabefreudigkeit ihres Herausgebers nicht übersteigendes Leben prognostiziert. Noch gibt es sie, und sie tut, als ginge es ihr prächtig. Die nächste Ausgabe soll im Zeitschriftenhandel erhältlich sein. Schachreisen will man künftig auch anbieten.

Zu Chessbase bleibt man nicht auf kritischer Distanz, sondern freut sich über werbende Artikel direkt aus dem Hamburger Softwarehaus. Mit einigen kommerziellen Turnierveranstaltern wurden Rabatte für Abonnenten vereinbart. Im Gegenzug ist mit redaktioneller Lobhudelei zu rechnen. Dass Interessenkonflikte eher die karge Geschäftsgrundlage der "Schach-Zeitung" sind, zeigt sich auch im eifrigen Trommeln auf der Website des Deutschen Schachbunde. Deren Webmaster ist nicht der einzige aus dem DSB stammende Mitarbeiter dieses überflüssigen Produkts, das Bundestrainer Bönsch doch tatsächlich als "spannender als ein Krimi" gelobt haben soll. Welch ein Schmarren.

Ich habe auch geschrieben, dass ich durchaus noch Platz für ein Schachmagazin mit Qualitätsanspruch sehe. Und das kommt nun tatsächlich. Initiator ist der frühere Nationalspieler Jörg Hickl. In den letzten Jahren spielte er immer weniger, sondern veranstaltete Schachreisen und -seminare und stellte fest, wie unprofessionell manches Schachmagazin mit Anzeigenkunden wie ihm umsprang. Ein Buchprojekt dürfte ebenfalls beigetragen haben, dass er überlegte, sich selbst als Magazinmacher zu versuchen sowie dass die Europa-Rochade auf Suche nach einem Käufer ist (und wohl auch mit Hickl sprach), aber offenbar überhöhte Preisvorstellungten hegt.

"Schachwelt" soll es heißen und monatlich erscheinen. Eine Website hat das Projekt bereits und dort sind einige der namhaften Autoren nachzulesen, die dabei sein werden (und Tischbierek beißt sich vielleicht noch in den Arsch, den einen oder anderen nicht oder nicht stärker an "Schach" gebunden zu haben). Für Hickl spricht, dass er sich nicht nur selbst Gedanken gemacht, sondern auch Rat gesucht hat, u.a. beim Schachblogger. So scheint die "Schachwelt" kapiert zu haben, dass im Zeitalter des Internets Turniernachberichterstattung nicht mehr das A und O sein kann. Die Nullnummer ist für Ende Juli angekündigt ist, und ab September soll die "Schachwelt" im gutsortierten Zeitschriftenhandel sein.

PS: Die Kommentatoren beziehen sich auf die vorab ins Netz gestellte Leseprobe von Hajo Hecht zur neuen Verspätungsregel.

Wolkenbruch statt Feuer

Schach mit lebenden Figuren kennt man etwa aus dem Schachdorf Ströbeck oder dem italienischen Marostica. Nun ist das steirische Bergbau- und Unistädtchen Leoben Schauplatz einer lebenden Partie Bergmannschach. "Erz im Feuer" heißt das Schauspiel über Leben und Wirken des Modernisierers Erzherzog Johann. Unterhalb der Bühne verbildlicht eine von Schülern aufgeführte Schachpartie den vor rund 200 Jahren ausgetragenen Konflikt zwischen altem und neuem Energieträger, zwischen Holzköhlern und den Steinkohle abbauenden Bergleuten. Die Auswahl der Partie oblag dem Leobener Lehrer und Obmann des Leobener Schachklubs Karl-Heinz Schein.

Bergmann

Die am Freitag geplante Premiere fiel einem Wolkenbruch zum Opfer. Nun ist das Schau- und Schachspiel am Leobener Bergmannsbrunnen auf Sonntag 21 Uhr verschoben. Immerhin konnte die Generalprobe am Donnerstag stattfinden. Die Kleine Zeitung hat eine Strecke aus 32 Fotos (eines davon oben). Mehr über diese ungewöhnliche Partie auf der Website des Spektakels.

Dienstag, 16. Juni 2009

Bye, bye, Gott Gusti

In einem Interview mit der Süddeutsche-Jugendseite Jetzt kam Jan Gustafsson mal wieder so sympathisch und charmant schnoddrig rüber, dass ihn fast alle kommentierenden Leser und Leserinnen prompt ins Herz schlossen. Das hat man in Hamburg schon vor langer Zeit getan. Doch trotz aller Liebe zieht er nun dahin, wo das Geld schneller verdient ist. Damit degradiert er sich wohl von Gott Gusti zum Normal-Gusti.

Dass er ein Angebot von Baden-Baden kaum ablehnen konnte, versteht sich. Warum der Deutsche Meister ihn unbedingt abwerben musste, erschließt sich schon weniger. Was Gusti so offenherzig etwa über Arbeitsmoral zum Besten gab, dürfte es wohl eher nicht gewesen sein. Bisher hieß es, Baden-Baden hole Stars jener Länder, in die der Sponsor GRENKELEASING expandiert. Nun, vielleicht will man einfach nur, dass das Antrittshonorar in sympathische Hände kommt.

PS: Weitere Wechsel und Neuverpflichtungen finden sich mittlerweile auf der Ligaseite.

Samstag, 13. Juni 2009

Wien Open auf der Höhe der Zeit

Ab 1.Juli muss man aufpassen, wo man spielt. Wo es nicht anders angesagt wird, gilt laut der neuen FIDE-Regeln zu Rundenbeginn Anwesenheitspflicht am Brett bei Strafe einer Null und für den pünktlichen Gegner, dass er keine Partie spielen darf und als Folge des kampflosen Punkts wohlmöglich keine Norm mehr erzielen kann.

Beim Wiener Open vom 15. bis 23. August bleibt man bei der bewährten Karenzzeit einer Stunde. Viele der einheimischen Teilnehmer kommen schließlich von der Arbeit oder haben vorher familiäre Pflichten, und eine radikale Pünktlichkeitsvorschrift schnitte ins Zeitbudget.

Das ist freilich ein nachrangiger Grund, warum ich dieses im Prunksaal des Rathauses ausgetragene Turnier herzlich empfehlen kann (als Wermutstropfen bleiben das auf Inländer beschränkte Blitzturnier, das mit 1400 Euro Preisgeld das weitaus attraktivste Schachtagesevent des Jahres in Wien ist, und dass fast 15 Prozent des Preisgelds für Inländer reserviert ist).

Ein anderer Empfehlungsgrund lautet, dass es während der Sommerferienzeit in Wien relativ leicht ist, privat eine Wohnung zu mieten und diese schöne Stadt auch mit knappem Budget kennenzulernen. Schachblogleser, die während des Wiener Opens ein bezahlbares Quartier suchen, können sich vertrauensvoll an mich wenden: messelwitz2000 (at) yahoo.de

Man sollte sich freilich rechtzeitig entschließen und bis Mitte Juli anmelden, weil sich danach das Startgeld erhöht.

Freitag, 12. Juni 2009

Naiditschs Audi

Eine Doppelnull heißt auch kurze Rochade, drei Niederlagen in Folge sind eine lange Rochade, alter Hut, aber dass man vier Nullen in Folge einen Audi nennt, habe ich erst im Daily Dirt-Blog gelernt. Danke, Mig!

Beim Turnier in Poikowski, das am Freitag zu Ende ging, hat Schirow mit einem Audi angefangen und fast 35 Elopunkte eingestellt. Hätte man Naiditsch vor dem Turnier gesagt, dass er eineinhalb Punkte mehr als Schirow machen würde, wäre der Dortmunder vermutlich zufrieden gewesen. So war er es sicher nicht. Er begann zwar gänzlich anders als Schirow mit zwei Siegen, aber beendete das Turnier mit einem Audi. Seine 2700 sind damit erstmal wieder weg.

Mal sehen, ob Georg Meier es in Havanna besser macht. Nach vier Runden ist er jedenfalls Zweiter hinter Dominguez, auf den er in Runde fünf, der letzten des ersten Durchgangs, trifft.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Lieschens Kampf

Elisabeth Pähtz hat erfahren, dass die Termine der Schachbundesliga und der Damenbundesliga künftig auf die gleichen Wochenenden gelegt werden könnten. Das findet sie einen Skandal. Sie hat einen Offenen Brief verfasst, indem sie erklärt, das dies die sportliche Entwicklung der Spielerinnen hemmen würde, weil sie nun nicht mehr in beiden Ligen spielen können. Außerdem interessiere sich bald keine Sau mehr für die Damenliga, wenn gleichzeitig auch die Männer spielen. Chessbase hat die Argumentation eingeleuchtet, so dass ihr Pamphlet dort wohlwollend veröffentlicht wurde. http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=9124

Dem Schachblogger leuchtet es nicht ein. Ihm scheint vielmehr, dass Pähtz einfach nur einmal mehr ihre persönlichen Interessen vertritt. Gerade hat sie neue Vereine in beiden Ligen gefunden, Eppingen und Königshofen, und weil das Wunder der Bilokation nicht mal Superlieschen gelingt, kostet sie jede Terminüberschneidung Geld. Nun ist sie die einzige, die in beiden Ligen erstklassig spielt. Auch in den Zweiten Ligen gibt es nahezu keine betroffenen Frauen.

Die Zahl der Wochenenden zwischen Oktober und April ist begrenzt, zum Teil auch mit internationalen Terminen besetzt. Da bleibt dann nur die Wahl, dass sich Termine der Damenliga mit der Herrenliga oder aber mit den Mannschaftskampfterminen auf Landesverbandsebene überschneiden. Ab Oberliga abwärts finden sich erheblich mehr Spielerinnen der Damenbundesliga. Ob die nun, um für ihre Doppelspielinteressen einzustehen, auch einen Offenen Brief schreiben?

Pähtz weckt den Eindruck, als würde die Bundesliga, die am kommenden Wochenende in Berlin tagt, allein entscheiden. Dabei liegt es doch in erster Linie an den Vereinen der Damenligen. Immerhin gibt es Vereine, die sowohl bei Damen als auch Herren erstklassig sind, Hamburg und Baden-Baden. Würde die Damenliga neben Anand, Carlsen und Co gespielt, könnte das ihrer Öffentlichkeitswirkung nur nutzen. Aber das sieht Lieschen sicher auch anders.

Dienstag, 9. Juni 2009

Zehn mal zehn

Am Samstag hat die Dame-WM begonnen. Die letzte vor zwei Jahren war ein Rundenturnier, aus dem Alexander Schwarzman zwar als Weltmeister hervorging, aber damit auch erst einmal nur Herausforderer des Matchweltmeisters Alexander Georgiew war. Allerdings stand lange in den Sternen, ob ihr Match zustande kommen würde, zumal die nächste Turnier-WM bereits im September in Brasilien bevorsteht. Doch einmal mehr fanden sich Sponsoren in der Niederlande, dem neben Russland führenden Dameland.

Wir reden nicht über Dame auf unseren 64 Feldern sondern auf dem 10x10-Felder-Brett, das Schach an Komplexität nicht viel nachsteht. Und dass Dame vom Computer gelöst sei, ist ein Missverständnis. Das trifft nur für das Spiel auf dem kleinen Brett zu.

Der drittbeste aktive Damespieler ist übrigens ein Deutscher, der in Russland geborene Bochumer Mark Podolskij, der vor zwei Jahren nur nach Feinwertung Schwarzman den Vortritt lassen musste. Podolskij ist der einzige Nichtprofi in der Weltspitze. Er strebt eine Karriere als Mathematiker an. Mir prognostizierte er für Georgiew - Schwarzman einen engen Verlauf und eine Entscheidung in Partien mit verkürzter Bedenkzeit, in denen er Georgiew weil er acht Jahre jünger und ein zäher Verteidiger ist, die etwas besseren Chancen gibt.

Sieger ist, wer zuerst drei Partien gewonnen hat. Binnen der regulären zwölf Partien ist das auf diesem Niveau allerdings nahezu unmöglich. Danach wird die Bedenkzeit nach einem interessanten System stets weiter verkürzt und gespielt, bis einer seine drei Siege zusammen hat. Die Entscheidung könnte dabei gut erst in der Blitzphase fallen.

Bisher endeten alle vier Spiele remis, wobei Schwarzman in der zweiten Partie Georgiew entwischen ließ. Die Impulse setzt bisher eindeutig Schwarzman, der aufgrund seines Angriffsspiels und seiner zahlreichen Neuerungen in der Eröffnungstheorie eine Art Kasparow des Damespiels ist.

Hier geht es zur Matchseite: www.wkdammen2009.nl

Montag, 8. Juni 2009

Ein Warnsignal aus China

Ein bislang Unbekannter ist Chinesischer Meister. Ding Liren heißt er, ist 16 Jahre alt und man wird sicher noch viel von ihm hören. Momentan weiß man aber vor allem, wie er die letzte Runde, vor der er in Lauerstellung auf Rang zwei lag, gewann, nämlich kampflos weil sein Gegner Zhou Jiangchao nicht pünktlich am Brett saß. Eigentlich soll diese absurde FIDE-Regel erst ab 1.Juli gelten, wo es nicht durch Ausschreibung anders geregelt wird. Doch in China will man der Zeit eben voraus sein. Dumm halt, dass diese Regel ein Geschenk für alle ist, die Punkte verschieben wollen. Bus verpasst, zwei Minuten zu spät, sorry, kann doch jedem mal passieren. Dieser böse Verdacht schwebt nun natürlich auch über Dings Schwarzsieg gegen einen nominell deutlich Stärkeren. Auf den Führenden Wang Hao hatte der volle Punkt seines Verfolgers jedenfalls beachtliche Wirkung. Um Meister zu werden, musste Wang nun selbst gewinnen und überzog seine Stellung.

Funktionäre, lasst dieses Warnsignal nicht unbeachtet. Benutzt Euren Verstand, so lange sich die Zahl der Opfer in Grenzen hält. Wo es wirklich so wichtig sein sollte, dass die Spieler bei der offiziellen Beginnzeit am Brett sitzen, tut es bei Einladungsturnieren ein Abzug vom Starthonorar, bei Opens ein Abzug vom Preisgeld und bei Mannschaftsturnieren ein Bußgeld. Sofortiges Nullen bestraft dagegen nicht nur den, der zu spät kommt, sondern auch seinen Gegner, der umsonst gekommen ist und keine Partie kriegt oder sogar wie Ding unter Manipulationsverdacht steht. Und es bestraft die Zuschauer, die zumindest auf diese Partie nun verzichten müssen.

Mit Lasker nach Alaska

Vor einiger Zeit lamentierte ich hier im Blog und in der Zeitschrift Schach über die miese Übersetzung und Lektorierung von Romanen, sobald Schach im Spiel ist. Gerade erst habe ich entdeckt, dass Michael Chabons "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" auf Deutsch vorliegt und das schon seit über einem Jahr und anscheinend kein grober Unfug, sobald es um Schach geht, darin beanstandet wird. Chabons ungewöhnlicher Krimi basiert auf einer 1939 von Emanuel Lasker im US-Exil publizierten Idee, den in Europa bedrohten Juden Aufnahme in Alaska zu gewähren. Ob er da auch wegen seines Names drauf kam: Lasker, Laska, Alaska? Emanuel Lasker kommt jedenfalls namentlich in Chabons Buch vor. Und noch besser: Die Coen-Brüder (Fargo, No Country for Old Men) haben angeblich die Filmrechte erworben, wie ich auf der auch sonst schon grundsätzlich empfehlenswerten Kingpin-Seite erfahren habe.

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