Samstag, 24. Oktober 2009

Ein Giri kennt keine Angst

Sechsmal remis in sechs Runden gegen allesamt mehr als 100 Elo stärkere Gegner (Iwantschuk, Polgar, Tiviakov). Nettes Resultat, ein Dutzend Elopunkte näher an 2600, aber zu viel Respekt, den Anish Giri da in Hoogeveen gezeigt hat, wird mancher denken. Dabei hat der 15jährige keineswegs zu ehrfürchtig gespielt. Als in der letzten Runde klar war, dass Tiviakov ein Remis gegen Giri genügen würde, bot er an, doch Giri lehnte trotz der schwarzen Steine und des weißen Läuferpaars ab. Mit einem Sieg konnte er den Vierkampf schließlich selbst noch gewinnen. Am Ende musste er ums Remis zwar kämpfen und bangen. Dafür machte Giri allen klar, dass man sich auch einen halben Punkt gegen ihn erst einmal erarbeiten muss.

Wo ist Short?

Das kennt man von Nigel Short sonst ja nicht, ein Mannschaftsturnier auszulassen, bei dem jede Menge Frauen umher sind. Die Rede ist von der Mannschafts-EM in Novi Sad, wo sowohl Männer als auch Frauen spielen. Doch Nigel hat etwas Besseres: Er ist als Coach von David Howell bei der U20-WM in Argentinien. Da spielen gleichzeitig die Juniorinnen bis zum knackigen Höchstalter von 20 Jahren. Wer hat während der Runden mehr Gelegenheit, sich umzuschauen, ein Spieler oder ein Coach? Eben. Nichts neues also von Nigel.

Nochmal zurück zur männlichen Jugend: Mit einem Spieler über 2700 (Vachier-Lagrave) und sechs weiteren über 2600 ist es übrigens an der Spitze die bestbesetzte U20-WM (2007 und 2008 waren jeweils vier 2600er am Start). Freilich gibt es in der FIDE-Liste mittlerweile drei 2700er im Juniorenalter und sechzehn weitere über 2600.

Das Schachturnier als Erziehungslager

Nur um fünf Sekunden verpasste Viktor Laznicka angeblich sein Brett zum Start der zweiten Runde der Mannschafts-EM und verlor kampflos. Paco Vallejo war über den schnellen Sieg nicht glücklich, wie diesem Videobericht aus Novi Sad zu entnehmen ist. Der Spanier hätte mit Weiß lieber versucht, ein paar Ratingpunkte zu gewinnen. Auf den Bildern ist auch dokumentiert, wie Schiedsrichter Werner Stubenvoll die österreichische Linie durchsetzt.

Von den spanischen Kämpfen gibt es aber auch etwas Lustiges zu berichten: Am ersten Tag spielten sie gegen Litauen, das als einziges Herrenteam eine Frau aufbietet. Am dritten Brett saß Viktorija Cmylite, die Exfrau von Spaniens erstem Brett Alexei Schirow.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Heimvorteil, Heimnachteil

Es war ja abzusehen: Anand muss seinen Titel im April in Sofia verteidigen. Selbst wenn die bulgarische Regierung, die für je Spieler eine Million Euro Preisgeld, an die 600 000 Euro Ausrichtungskosten und 400 000 Euro an die FIDE bürgt, auch Neutralität versprochen hat, sehen viele einen Heimvorteil für Topalow. Warum eigentlich?

Soweit ich weiß hat es sich in der Geschichte der Schachzweikämpfe mindestens so häufig negativ ausgewirkt, wenn man im eigenen Land antrat. Short hätte Kasparow 1993 ohnehin nicht schlagen können, aber sein nervöser Start ruinierte seine Minimalchance gleich zu Beginn und nahm dem Match jede Spannung. Anand selbst gab gegen Kamsky 1994 im indischen Sanghi Nagar einen Zwei-Punkte-Vorsprung weg und verlor noch, weil er sich während des Kampfes nicht den Journalisten, Organisatoren und Zuschauern entziehen konnte.

Topalow wird in Bulgarien mehr denn je unter Druck stehen. Er hat freilich genug Erfahrung, dass es, anders als für Anand vor 15 Jahren, nicht zum matchentscheidenden Ballast werden sollte. Weil sein Manager Silvio Danailow wesentlich dazu beigetragen haben wird, das Regierungsgeld für das Match zu sichern, ist abzusehen, dass er auch in der Organisation eine Rolle spielen wird. Darum wäre es nun ein feiner Zug, wenn die Bulgaren einen Vertrauten Anands an wichtiger (und bezahlter) Stelle in ihr Komitee holen. Die Telefonnummer von Hans-Walter Schmitt sollte kein Geheimnis sein: 0049 6196 22726

Ein Sonntag im Waldviertel, eine Minute vor zehn

Zwei Partien der Auftaktrunde der österreichischen Zweiten Liga Ost wurden kampflos entschieden. Die Spieler waren aber nicht verspätet sondern tatsächlich verhindert und kurzfristig nicht mehr zu ersetzen. Alle anderen saßen pünktlich an den Brettern. Einige Funktionäre werden das als Bestätigung der Sinnhaftigkeit der neuen Regel werten, die bei Rundenbeginn nicht am Brett sitzende Spieler und ihre spielwilligen Gegner zu Verlierern erklärt. Welch ein Unsinn. Welche Unverhältnismäßigkeit.

Vor der Runde am Sonntagmorgen verpasste ich in der Pension knapp eine Mitfahrgelegenheit, so dass ich an dem nasskalten Morgen rasch gehen musste, um sicher kurz vor zehn im Spiellokal zu sein. Obwohl ich beider Ankunft daher noch außer Puste war, ergriff ich, bevor es der Schiedsrichter tun konnte, das Wort. Ich wies alle darauf hin, dass sie bei Verspätungen ihrer Mitspieler frühzeitig den Schiedsrichter ansprechen, damit er den Rundenbeginn herauszögern kann. Dann erinnerte ich daran, dass in Deutschland die Verspätungsregel in den Ligakämpfen zu Fall gebracht wurde, weil sich die Vereine praktisch geschlossen wehrten. Wo ist der Widerstand im österreichischen Schach?

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Arme Wikinger

Carlsen hat seine Teilnahme an der Mannschafts-EM in Novi Sad abgesagt. Kasparow hat seinen Schützling überredet, sich für das nahezu anschließend ausgetragene Michail-Tal-Gedächtnisturnier in Moskau zu schonen. Schließlich handelt es sich um das wohl stärkste Turnier des Jahres. Spielt Carlsen beides, ist die Chance sehr groß, dass er seine gerade errungenen 2800 gleich wieder verballert.

Das Problem ist nur, dass die neuen Regeln keine Nachmeldungen vorsehen. Weil Johannessen erst später anreisen kann, drohen Norwegen kampflose Niederlagen zu Turnierbeginn. Selbst ein Rückzug der Mannschaft wird angeblich diskutiert hätte wegen seiner Arbeit eigentlich später anreisen sollen, so dass kampflose Niederlagen in den ersten zwei Runden drohten, doch nun hat er, wie Schachblog-Kommentator Blauhut mitteilt, doch frei bekommen und kann von Beginn an da sein.

Der Weltranglistenerste Wesselin Topalow wird in Novi Sad übrigens spielen. Aber er ist ja auch nicht auf der Einladungsliste für Moskau in Kramnikland. (Ergänzung:) Aber Aronjan tut sich beide Turniere an. Für den zweifachen Olympiadesieger Armenien nicht anzutreten käme für ihn nicht in Frage.

PS: Im norwegischen Fernsehen wurde Carlsen zwar nicht zu seiner EM-Absage gefragt (vermutlich weil sie noch nicht fest steht). Interessant ist es dennoch, danke an Chessbase für das Transkript: Carlsen erklärte seinen Triumph in Nanking vor allem damit, dass seine Gegner nicht nur ihn sondern auch Kasparow im Hintergrund fürchten. Ein bisschen habe auch geholfen, dass er den roten Kimono zugelost bekommen hat. Beim Ringen gewinnen die Rotgewandeten öfter als die Blauen, wusste Carlsen.

Ein Tag später: Jorge Cori

Vielleicht hat Permanent_Brain ja recht, dass man sich die Namen von Kinderstars nicht zu früh merken sollte. Lange hat Robsons Rekord jedenfalls nicht gehalten. Gerade wurde bekannt, dass der Peruaner Jorge Cori Tello, 14 Jahre und zwei Monate, in Argentinien seine dritte GM-Norm erfüllt habe (Tabelle hier: dass noch ein 15jähriger, Federico Perez Ponsa, eine GM-Norm erzielt hat, weckt allerdings gewisse Zweifel, ob alles mit rechten Dingen zuging). Trainiert hat ihn in letzter Zeit der in Spanien lebende Argentinier Javier Moreno. Jorges zwei Jahre ältere Schwester Deysi, die in Argentinien Letzte wurde, ist bereits Frauengroßmeisterin. Im Mai konnte ich beide in Sardinien spielen sehen. Jorges Titel kommt für mich nicht überraschend, ich hätte ihn nur etwas später erwartet.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Introducing Ray Robson

Die Ehre, jüngster Großmeister der Welt zu sein, muss Anish Giri in Kürze an einen Amerikaner abtreten. Ray Robson (nicht zu verwechseln mit dem Herrenmode-Label Roy Robson), der erst im August seine erste GM-Norm erzielte, hat zwei Wochen vor seinem 15.Geburtstag als Sieger der panamerikanischen Jugendmeisterschaften seine letzte fehlende Norm im Sack und kriegt bei nächster Gelegenheit den Titel verliehen. Trainiert wird er von einem alten Bekannten, nämlich Alexander Onischuk.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Amerikanische Arbeitsteilung

Die US-Frauenschachmeisterschaft ist eine kuriose Angelegenheit. Keine einzige Teilnehmerin ist "born in the USA". Sie stammen aus China, der Mongolei, Georgien, Armenien, Lettland oder Rumänien. Gleich vier stammen aus der Ukraine, einschließlich der führenden und heute zeitweise in Deutschland lebenden Anna Zatonskih, Ehefrau des deutschen Nationalspielers Daniel Fridman. Auf organisatorischer Seite sind dagegen alle waschechte Amerikaner, inklusive der früheren Meisterin und Nationalspielerin Jennifer Shahade, die lieber Turnierdirektorin als Teilnehmerin ist.

Samstag, 10. Oktober 2009

Beste Turnierleistung überhaupt?

Carlsens 3002-Performance in Nanking wirft die Frage auf, wie sich dieses Resultat zu anderen Turnierspitzenleistungen der Schachgeschichte verhält. Nominell ist es vielleicht das beste, besonders wenn man voraussetzt, dass es sich um ein Spitzenturnier handelt (und nicht diverse Einsätze in einer Liga oder bei einer Schacholympiade), aber dabei wäre auch die Eloinflation einzurechnen. Außerdem waren in Nanking nur zwei weitere aktuelle Top-Ten-Spieler im Feld. Und zehn Runden sind nicht so aussagekräftig wie 13 Runden oder mehr. Freilich ist Carlsen nicht zu nehmen, dass unter 20 noch nie eine annähernd so gute Leistung erzielt wurde.

Hier mal eine Liste von Kandidaten, die mir als beste Turnierleistungen einfallen:

Zukertort, London 1883 (22 aus 26)
Lasker, New York 1924 (16 aus 20)
Aljechin, Bled 1931 (20,5 aus 26)
Karpow, Linares 1994 (11 aus 13)
Kasparow, Linares 1999 (10,5 aus 14)
Topalow, San Luis 2005 (10,5 aus 14)
Carlsen, Nanking 2009 (8 aus 10)

Ergänzung am 14.10.:
Gerade zu diesem Posting hätte ich Kommentare erwartet, es gibt aber hier keine. Lustigerweise gibt es dafür bei Chessbase einen Artikel von deren Hausstatistiker Jeff Sonas, in dem er nachzuweisen trachtet, dass Carlsens Performance eine der zwanzig besten bisher überhaupt sei. Bei seinen Berechnungen habe er die Eloinflation herausgerechnet, schreibt der Amerikaner. Carlsens Performance gibt es mit 2850 an und damit 117 Punkte über dem inflationsbereinigten Eloschnitt seiner Gegner von Nanking (2733). Andere 80-Prozent-Ergebnisse liegen in seiner Tabelle aber 217 Elopunkte über dem Gegnerschnitt. Beim Zusammenrechnen hat Sonas offenbar eine eins irgendwo liegen lassen, wodurch Carlsens Leistung knapp fünfzig Punkte hinter dem seine Tabelle anführenden fulminanten Karpow-Sieg 1994 in Linares bleibt, statt korrekterweise gut fünfzig Punkte höher bei 2950.

Das nicht bemerkt zu haben, dürfte vielleicht weniger einer Zahlenblindheit bei Chessbase geschuldet sein als dem Wunsch, einigen ungenannten Websites zu widersprechen, die Carlsens Leistungfrüher als erstaunlich erkannt und überhaupt höher eingeschätzt haben.

Eure Brettpunkte könnt Ihr Euch sonstwohin...

Auf dem Fußballplatz sind die Deutschen effizienter, am Schachbrett sind es die Russen. Saratov reichen 27,5:14,5 Brettpunkte, um mit einem makellosen Mannschaftsergebnis den Europacup (Resultatseite) zu holen. Baden-Baden schafft fette 33:9 Brettpunkte, volle vier mehr als jede andere Mannschaft (wobei die nächstbesten Sammler auch nicht unter die ersten vier kamen), wird aber nach zwei verlorenen Kämpfen (verkackt haben zweimal Bacrot und einmal Naiditsch) nur Fünfter, was vielleicht die Wut erklärt, mit der im Bauch Werder Bremen am Schlusstag mit 5,5:0,5 abgewatscht wurde. Noch pragmatischer als Saratov war übrigens Jerewan als Zweiter mit 24,5:17,5 Brettpunkten. Bei den Armeniern verpasste Aronjan durch eine vermeidbare Niederlage am Schlusstag gegen Mamedscharow einen höheren Elozugewinn als ein, zwei Pünktchen.

Freitag, 9. Oktober 2009

2801 für Carlsen

Mit den fetten 8 aus 10 in Nanking schwingt sich Magnus erstmals über 2800. Nur noch neun Punkte trennen ihn in der Weltrangliste von Toppy. In Nanking hat er ihn geschlagen und als Zweitplatzierten um volle 2,5 Punkte distanziert. Nach einem bisher durchwachsenen Jahr ist das Resultat, das mit einer Eloperformance über 3000 als eines der besten in der Schachgeschichte gelten darf, ein Befreiungsschlag Carlsens.

Es ist auch eine Frucht der Zusammenarbeit mit Kasparow. Dafür sprechen nicht nur die Eröffnungen (wie Schottisch gegen Leko oder Damengambit-Abtausch gegen Wang) sondern auch die Konsultationen zwischen den beiden per Telefon und E-Mail vor jeder Runde. Kasparow teilt seine Freude über Chessninja Mig mit und kündigt einen ausführlichen Artikel in New in Chess an.

Im November in Moskau und im Dezember in London, wo der Schachblogger übrigens neuerdings wohnt, kann Carlsen nachlegen und wohlmöglich noch Aronjan aus der Pole Position für den Schachoscar 2009 verdrängen.

Montag, 5. Oktober 2009

Auch die Frauen dürfen aufatmen

Auch die Frauenbundesligen bleiben bei einer Karenzzeit von 60 Minuten, nach denen eine Partie erst für verloren erklärt wird, teilte Ligaleiter Thomas Rondio an diesem Montag vormittag mit. Null Minuten damit in Deutschland vorerst nur bei den Einzelmeisterschaften, und da gibt es die Unwägbarkeit von Verspätungen bei der Anreise ja gewöhnlich nur vor der ersten Runde.

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