Montag, 21. April 2008

Goodbye Bundesliga

Das war es für mich, zumindest bis auf weiteres. Letzter mit Kreuzberg (und - Nachtrag am 7.Mai - trotzdem am grünen Tisch die Klasse gehalten). Das hätte ich mir vor der Saison nicht zu träumen gewagt. In zwölf Kämpfen, in denen ich dabei war, nur im letzten ein einziger Mannschaftspunkt. Hätte ich im letzten Kampf meine zwischenzeitlich überlegene Stellung gewonnen, wäre es wenigstens Platz 15 geworden. Die Kreuzberger Zweite hat es in der Zweiten Liga Nord knapp verpasst, den Abstieg der Ersten auszugleichen.

Als ich vor einigen Monaten die redaktionelle Verantwortung der Bundesligawebsite an Georgios Souleidis abtrat, ist für mich ein wichtiger Grund zum Spielen weggefallen. Der andere war, dass ich die Reisen von Wien nach Deutschland meistens mit Recherchen verbinden konnte, und die Fahrten und Flüge - anstelle eines Honorars fürs Spielen – von meinem Klub übernommen wurden. Doch zuletzt war das der einzige Aspekt, der die Reisen noch rechtfertigte. Allein vorigen Freitag in Köln habe ich fünf interessante Gesprächspartner getroffen. Aber auch vom Schachlichen abgesehen sind die Reisen ansonsten kein Grund, die Bundesligaspiele zu vermissen. Es sind Reisen in ein Land, das im Bereich der Dienstleistung noch einen weiten Weg vor sich hat.

Zum Beispiel die Bahn. Dass ein einstündiger 600-Kilometer-Flug weniger kostet als eine fünfstündige 400-Kilometer-Bahnfahrt, war mir eh klar. Mit Onlinetickets kann man den Preis etwas drücken. Mit einem umständlichen Verfahren versucht die Bahn das aber auf den harten Kern preissensitiver Flugpreiskenner zu beschränken. Weil ich die falsche Kreditkarte habe, muss ich per Bankeinzug zahlen, wofür mir ein Fax mit einer Unterschrift abverlangt wird (anderswo geht es ohne). Das Fax habe ich vor einem Monat geschickt, online buchen kann ich immer noch nicht. Und für die Telefonbuchung ist eine nur aus Deutschland erreichbare Nummer angegeben. Auf Umwegen habe ich eine Alternative erfahren. Inzwischen waren die billigsten Kontingenten für meine gewünschte Fahrt weg, außerdem kostet die Telefonbuchung fünf Euro mehr. Dass eh der Schachclub Kreuzberg zahlt, macht es nicht besser.

Auf der Fahrt hatte ich mehr Gelegenheit, als mir lieb war, zu hören, dass die Bahn wenigstens gelernt hat, Entschuldigung zu sagen. Aber dann auch: Danke für Ihr Verständnis. Ein Verständnis, das nur noch wenige Bahnfahrer haben. Zweimal eine halbe Stunde Verspätung am gleichen Tag. Dabei sind die vielen Verspätungen wahrscheinlich dem Ehrgeiz der Bahn geschuldet. Wären die Fahrpläne nicht so dicht, wären sie viel seltener. Man wäre fahrplanmäßig länger unterwegs, nur dass sich niemand ärgert.

Die Zweite Klasse stand zweimal nicht da, wo der digitale Wagenstandsanzeiger meinte. Beim zweiten Mal setzte ich mich, schließlich ist es nur ein Halt, in die Erste. Der Schaffnerin erklärte ich meinen Beweggrund. Und als das nicht überzeugend genug schien, dass ich für das Ticket 15 Euro mehr bezahlt hatte, als wenn ich online hätte buchen dürfen. Sie nötigte mich trotzdem für vielleicht noch zwanzig Minuten zum Umziehen. Woraufhin ich ihr einen Scheißtag wünschte. Doch mein Nachbar hatte Recht: Damit hatte ich mich gehörlich im Ton vergriffen.

Zum Beispiel Essen: Kann man in Deutschland Pizza essen? Weil ich nicht zwanzig Minuten draußen auf den nächsten Bus warten wollte, bin ich in Solingen der Frage nachgegangen. Himmel nein, kann man nicht. Der Kellner wollte wissen, wie es geschmeckt hat. Ich habe ihm die Wahrheit gesagt, aber diesmal höflich. Die Pasta am zweiten Abend schmeckte verdächtig nach Geschmacksverstärkern. Dieser Kellner fragte nicht.

Zum Beispiel Hotels: Kann man in einem deutschen Hotel erwarten, dass Internet zur Ausstattung gehört? Nur für diejenigen, denen der Preis egal ist. Auf meinen letzten Reisen in die USA und nach Spanien war es überall inbegriffen. In Essen sollte es kürzlich 16 Euro kosten. In Solingen nun 8 Euro pro angefangene Stunde. Fast noch schlimmer ist, dass ich mir auf die einfache Frage, was Internetzugang kostet, einen Vortrag über Kreditkarten und binnen 30 Tagen aufbrauchbare Wertkarten anhören musste, bis die verklausulierte Antwort kam. Auch was eine Minute Telefonieren kostet, konnte die Rezeptionistin nicht sagen. Es gehe nach Einheiten. Das Hotel wirbt zwar mit dem Sender Premiere, aber dass fürs Zusehen 10 Euro fällig werden, erfährt man erst, wenn man es einschaltet. Beim Vertuschen der Preise spielen Hotels und Bestatter in der gleichen Liga.

Vorige Woche gab es einen kuriosen Schlagabtausch um die Frage, ob die Bundesliga schon gelernt hat, als guter Dienstleister am Schachpublikum aufzutreten. Hans-Walter Schmitt meinte in einem Interview bei Chessbase nein. Till Schelz-Brandenburg widersprach ihm auf der BL-Website nicht nur, sondern beschimpfte Schmitt persönlich. Woraufhin der seine Argumente schärfte. Und schließlich der Ligavorsitzende Christian Zickelbein vermittelnd eingriff (nämlich hier - mit allen Links zu den genannten Beiträgen). Ich finde ja, die Liga ist auf ihrem Weg zum Dienstleister sicher nicht schlechter als das Land. Aber um ehrlich zu sein, sind solche Debatten ein Grund mehr, der Bundesliga goodbye zu sagen.

Samstag, 12. April 2008

Es rührt sich was in der Schachnation Nummer zwei

Die Ausrichtung des Quasi-Kandidatenfinals zwischen Topalow und Kamsky hat in den letzten Wochen für einige Querelen gesorgt. Anfang April postete Kamsky-Fan Fernando Arrabal auf seinem Blog einige Briefe und erhob scharfen Protest gegen die Ausrichtung in Topalows Heimatland für läppische 150.000 Dollar Preisgeld, also 100.000 Euro. Am Mittwoch hat die FIDE die Frist für Bewerbungen von 9.April auf 23.April verschoben. Am Donnerstag meldete der Bulgarische Schachverband seinen scharfen Protest gegen die Ausweitung an. Und am Freitag berichtete Juri Wassiljew auf Chesspro, im ukrainischen Lwow stünde ein Preisgeld von 750.000 Dollar, also etwa 500.000 Euro zur Verfügung. Also eine Verfünffachung des bulgarischen Angebots, oder wenn man berücksichtigt, dass der FIDE-Anteil anders als beim Angebot aus Sofia abgezogen wird, immer noch viermal so viel.

Wassiljew beruft sich auf Alexander Tschernenko, der als Kamskys Manager auftritt. Vermutlich handelt es sich um den Zumindest Er scheint er hohe Beziehungen zu haben, denn das wäre für ein Schachereignis in der Ukraine sehr viel Geld.

Nach dem Mannschafts-WM-Titel 2001 mussten sich die Spieler noch mehr oder weniger mit der Ehre und einem Dankeschön zufrieden geben. Beim Olympiasieg vor vier Jahren gab es dann immerhin schon 2000 Dollar Prämie pro Spieler. Bis dahin fanden lange keine nennenswerten Turniere von Niveau in der Ukraine statt. Inzwischen gibt es eines auf der Krim und ein Schnellturnier in Odessa, dessen Sponsor sich zum Vorsitzenden der Spielervereinigung ACP wählen ließ. Lwow wäre das Ereignis zu gönnen, kommen doch sehr viele starke Spieler - Romanischin, Beljawski, Iwantschuk, Wolokitin - aus der Hauptstadt der Westukraine.

(Nachtrag 15.April) Inzwischen hörte ich von einem gut unterrichteten ukrainischen Spieler, ihm komme alles so unwirklich vor an dem Angebot von Lwow und dem aus dem Nichts gekommenen Tschernenko, dass er sich damit nicht befassen wolle, bevor es offiziell sei. Tschernenko teilt per Mail mit, dass er keine weiteren Informationen herausgeben möchte, bevor die FIDE die Bewerbung akzeptiert hat, und bittet um Verständnis.

(Nachtrag 7.Mai) Die Frist wurde mehrmals verlängert, nun will FIDE-Präsident Iljumschinow angeblich am 12.Mai definitiv den Austragungsort bekannt geben. Die meisten glauben nicht, dass das Angebot aus Lwow Substanz hat, doch ein Großmeister von dort, den ich bei der EM sprach, hält dies durchaus für realistisch.

Freitag, 11. April 2008

One (k)night with Bobby

Als Kasparow kürzlich eine Woche in Österreich verbrachte, hat er nicht nur Simultan gespielt und mit Frau und Mama geurlaubt, sondern auch dem Magazin Profil ein Interview gegeben. Es ging weitgehend um Politik und Russland. Über Schach, vor allem zum Aspekt Frauen, wollte die Reporterin aber auch etwas erfahren. Auf die Frage, ob Frauen im Schach aufholen, heißt es da von Kasparow: "Sicher. Früher prahlte Bobby Fischer damit, dass er mit jeder guten Schachspielerin eine Nacht verbrachte. Das ist heute unvorstellbar. Frauen können genauso strategisch und ­lo­gisch denken wie Männer."

Offensichtlich kannte die gute Frau das berühmte Fischer-Zitat nicht, hat Knight (Springer) mit Night (Nacht) verwechselt und sich den Rest zusammengereimt. Zu denken sollte freilich auch geben, dass in der Redaktion anscheinend niemand darüber gestolpert ist, dass Kasparow sinngemäß meinte, starke Schachspielerinnen würden heute nicht mehr mit Bobby ins Bett gehen, weil sie inzwischen strategisch und logisch zu denken gelernt haben. Oder ist das die verquere Machologik, die von einem russischen Schachspieler und Politiker erwartet wird?

PS 16.April
Chessbase meint anscheinend, Kasparow habe es wirklich so gesagt, wie es in Profil stand (was selbst die Autorin mittlerweile nicht mehr glaubt, wie ihrer E-Mail zu entnehmen ist): Fischer kriegte sie alle.

PS 16.April am Abend
Ein paar Stunden später hat Chessbase das Ende des Stücks gewohnt unsportlich, nämlich weder diesen Blogeintrag noch meine freundliche E-Mail, ja nicht einmal den eigenen Lapsus in der ersten Version erwähnend, korrigiert. Dafür nimmt das Stück in den letzten Passagen eine kuriose Wende, nämlich:
"Elo macht angeblich sexy, doch - und nun kommt die schlechte Nachricht - so sexy dann auch wieder nicht. Kasparov hatte in seinem Interview offenbar dieses Fischer-Zitat erwähnt, doch die Autorin (oder ein Übersetzer) hat - anscheinend unkundig in Bezug auf englische Schachtermini wie "Knight" (Springer) - bei der Übersetzung des Mitschnittes das Wort "Night" heraus gehört und den Rest der Aussage damit irgendwie in einen vielleicht sinnvollen Zusammenhang gebracht.
Trotz dieses amüsanten Fehlers ist das Interview dennoch lesenswert und auch auf die Frage, ob er mit seiner Frau Schach spielt, hat Kasparov die richtige Antwort parat: "Warum sollte ich?" Fischer sah das anders: "Chess is better than sex."

Der Titel des Stücks lautet allerdings unverändert reißerisch: "Heute unvorstellbar: Fischer schlief mit jeder guten Schachspielerin." Womit festzuhalten ist: Chessbase verbreitet eine Ente sogar wider mittlerweile besseres Wissen.

Donnerstag, 10. April 2008

So ein Talent

Der 14jährige Wesley So hat in der dritten Runde des stark besetzten Opens in Dubai Lewon Panzulaja geschlagen und teilt damit ungeschlagen die Spitze. Gegenüber Gulf News nennt er die Weltspitze sein Ziel, was für den derzeit jüngsten Großmeister auf dem Planeten ja auch angemessen ist. Der Junge, den ich vor zwei Jahren in Singapur spielen und dabei auffällig viel grinsen sah, ist die große Hoffnung der Philippinen.

Dort ist Schach ein beliebter und auch von den Medien beachteter Sport. Eugenio Torre schaffte es in die erweiterte Weltspitze, der frühere Diktator Marcos wollte für Bobby Fischer fünf Millionen Dollar ausgeben und holte immerhin die WM 1978 zwischen Karpow und Kortschnoi ins Land. Heute fehlt das Geld für Turniere und ausländische Trainer. Im Gegenteil verdingen sich philippinische Trainer in Singapur oder den USA. Auch die Unterstützung der Regierung ist auf Sparflamme, was vielleicht noch auf die Nachwehen der Schacholympiade 1992 zurückzuführen ist, nach der sich Florencio Campomanes, der in der FIDE den Stimmenkauf eingeführt hat, für das Versickern von Geldern verantworten musste.

Nachtrag 16.April: So hat das Dubai Open mit 7 aus 9 und bester Wertung gewonnen.

Mittwoch, 9. April 2008

Was Carsten Schmidt bewegt

Carsten Schmidt, der kürzlich, wie hier schon berichtet, versuchte, die DSB-Eminenz Matthias Kribben vom Berliner Vorsitz zu verdrängen, verdankte seine immerhin
63 Stimmen beim Berliner Verbandstag (hier der offizielle Bericht) zum guten Teil der Tatsache, dass Kribben nahezu ohne Vorstand kandidieren musste, weil ihm Schmidt und Turnierleiter Möller quasi unmittelbar vor der Wahl davon gelaufen waren.

Kurioserweise ließ sich Schmidt im Anschluss an die verlorene Präsidentenwahl zum Vizepräsidenten wählen. Auf die Frage, ob er für dieses Amt zur Verfügung stehe, soll er erklärt haben, er werde Kribben weiterhin bekämpfen. Wozu Kribben zumindest vor der Versammlung schwieg.

Was bewegt Carsten Schmidt? Insider vermuten Hass auf den Deutschen Schachbund, den Kribben als rechte Hand des nicht permanent verfügbaren Robert von Weizsäcker quasi leitet. In der DSB-Geschäftsstelle war Schmidt lange als Hilfskraft angestellt - bis er mangels Leistung hinausgeworfen wurde.

Nachtrag 10.4.:
Schmidt reagiert mit einer beißend ironisch gehaltenen E-Mail, aus der mir nicht ganz klar wird, ob sie zur Veröffentlichung bestimmt ist, und aus der zumindest ich nur erkennen kann, dass er selbst gekündigt habe, aber nicht seine Beweggründe.

Dienstag, 8. April 2008

Von Nigel lernen oder doch von Georgi

Nigel Short ist seit einiger Zeit im Nebenjob Nationaltrainer des Iran, wie dieser Reportage über die persische Schachszene zu entnehmen ist. Einer von Shorts mutmaßlichen Schützlingen hat mit immerhin schon 32 Jahren einen Leistungssprung gemacht und ist Großmeister geworden. Shoojat Ghane, so der Bericht bei Chessbase, ist Quereinsteiger, früher war er Judoka. Seit dem Erringen des begehrten Titels hat er einen Durchhänger, ist wieder auf seine frühere Elo von etwas über 2400 abgesackt. Neidische Geister können da schon mal auf die Idee kommen, sich die Leistungen dieses Burschen näher anzuschauen, und stellen dann wohlmöglich in Abrede, dass Shorts zweifellos hervorragendes Training dahinter steckt.

Ghane hat alle seine Normen gegen russische und ukrainische Spieler erzielt. Nirgends hat er je auch nur annähernd so gut gespielt wie in Russland. Einige seiner Gegner waren gleich bei mehreren dieser Turniere dabei. Einer namens Nikolai Puschkow, gegen den Ghane in einem Turnier verlor, gab beim nächsten den Schiedsrichter. Und gleich mehrmals verlor unser persischer Freund gegen Georgi Pilawow, der eigentlich immer mit von der Partie ist, wenn Ghane in Russland spielt. Pilawow ist ein 33 Jahre alter ukrainischer Schachfunktionär, der mit mittlerweile 2612 Elo vor dem Sprung in die Top 100 steht, und über dessen extrem wenige Partien in den Datenbanken Chess Today schon einmal schrieb, sie hätten kein hohes Niveau. Für Ghane aber ist er ein Freund und Vorbild.

Was Short davon hält? Er hat mir gerade gemailt, dass er das Gesicht Ghanes kenne, aber nicht sicher sei, ob er auch schon einmal zu seinen Trainings kam. Zu den enthusiastischeren Teilnehmern gehört er aber wohl nicht.

Michail Goblubjew schreibt zu Pilawow, viele in der Ukraine wüssten Bescheid, dass er seine fantastische Rating auf unehrlichem Weg erhoben hat. Pilawow sei wohl immer noch Vorsitzender des Schachbezirks im ostukrainischen Lugansk.

Premiere verschoben

Kramniks Handicapspiel gegen Jan Werle und Marie Sebag (2:0) bei DGT Projects in Enschede sei für alle Anwesenden ein vergnüglicher Nachmittag gewesen, schreibt mir DGT-Chef Albert Vasse. Allerdings nicht für diejenigen, die online dabei waren und sich aufgrund der euphorischen Ankündigung neue Übertragungsfeatures erwartet hatten. Wie den Kommentaren bei Chessvibes zu entnehmen ist, waren sie ziemlich enttäuscht.

Übertragen wurde mit dem alten ToMa-System, da das neue Foidos-System noch nicht fertig ist. Während des Wettkampfes wurden aber Aufnahmen gemacht, so Vasse weiter, um sie in Foidos einzuarbeiten und demnächst zu präsentieren, voraussichtlich in der ersten Maihälfte. Parallel ist laut Vasse die Firma Chess Media Services BV im Aufbau. Und bis Anand-Kramnik ist noch genug Zeit, nämlich ein gutes halbes Jahr, um alles auszureifen.

Jorge 2.0

Jorge Sammour-Hasbun (formerly known as chess wunderkind Jorge Zamora) hat das mit einem ersten Preis von 3000 Dollar dotierte Dos Hermanas-Internetblitz gewonnen. Als einziger titelloser Spieler in der Endrunde setzte er sich wie schon im vorigen Jahr, als ich hier über sein Comeback zum Schach berichtete, durch. Im Finale schlug er Ronen Har-Zvi, der seinerseits im Viertelfinale den wohl schwersten Brocken, nämlich Hikaru Nakamura ausgeschaltet hatte.

Shopping Mall revisited

In Hamburg-Harburg ist Schachwoche. Ein paar Großmeister werden im Lauf der nächsten Tage im Phönix-Einkaufszentrum zwar auch in Aktion sein, aber nicht, wie kürzlich in Pasching, solche von der Prominenz Kasparows oder Polgars. Vor allem kommen Kinder und Hobbyspieler zum Zug. Vormittags im Anfänger- und Fortgeschrittenenunterricht, nachmittags dann in freien Partien oder mit Uhr. Einige Dutzend Kinder haben am Montag ein Mannschaftsturnier gespielt. An diesem Dienstag geht es weiter mit einem Simultan von HSK-Großmeisterin Marta Michna (das ganze Programm als PDF).

Der HSK, der am Wochenende sportlich den Klassenerhalt in der Bundesliga geschafft hat, stellt mit jährlich drei, vier Einkaufszentrumswochen oder fünf, wenn es gut läuft, finanziell den Verbleib im Oberhaus sicher. Von dem, was die Einkaufszentren dem Klub zahlen, gehen freilich Honorare für Bundesligaspieler und Helfer ab. Andere Sponsoren findet Christian Zickelbein, der HSK-Vorsitzende, ebenso kaum noch wie andere, die wie er ehrenamtlich ranklotzen.

Wochen wie diese sind hart für ihn. Morgens um acht Uhr bricht er auf und ist oft bis neun oder zehn am Abend im Einsatz. Als Koordinator, Aufbauer, Schachlehrer, Anlaufstelle für alle. Auch die Tage davor und danach ist viel zu tun. Von den Verhandlungen fürs Folgejahr ganz abgesehen (die haben immerhin am Dienstag das erfreuliche Ergebnis gezeitigt, dass das Phönix für den 11.-16.Mai 2009 zugesagt hat).

Harburg ist kein nobler Stadtteil. Die Kinder, die zum Schach kommen, sind anstrengender als im bürgerlichen Blankenese. Doch Christian ist erst mal froh, für die Lösung einiger Last-Minute-Probleme Unterstützer mobilisiert zu haben. In ein paar Wochen wird er 71. Dass es Zeit für einen Nachfolger wird, im Klub wie im ebenfalls von ihm geleiteten Bundesliga e.V., weiß er selbst am besten. Bereits übernächste Woche folgt die Schachwoche im Elbe-Einkaufszentrum in Blankenese. Dazwischen bleibt ihm wenig, zu wenig Zeit, sich zu erholen. Doch eine Absage, so Christian, hätte sich der HSK nicht leisten können.

Im Phönix traf ich auch Dorian Rogozenko. Der moldawisch-rumänische Großmeister überraschte mich mit der Mitteilung, dass er seit Jahresbeginn Hamburger ist. Grund des Umzugs war nicht seine Tätigkeit für Chessbase (die natürlich auch eher zunehmen wird) sondern seine Frau. Ihre Firma hat ihr nämlich angeboten, in Hamburg zu arbeiten. Daneben lernt sie derzeit intensiv Deutsch, was Dorian dank vieler Turniere und Ligaspiele (er begann Mitte der Neunziger bei Magdeburg) bereits ausgezeichnet spricht.

Dorian war mit seiner Tochter da, die am Montag am Kinderturnier teilnahm. In den nächsten Tagen wird er wieder ins Phönix fahren. Dann nicht als Schachvater sondern um mit einem Simultanspiel zum Familieneinkommen beizutragen.

Samstag, 5. April 2008

Kribben wackelt

Matthias Kribben, als Stellvertreter des viel beschäftigten DSB-Präsidenten Robert von Weizsäcker derzeit der starke Mann im Deutschen Schachbund, hat in Berlin an Rückhalt verloren. Beim Verbandstag am Donnerstag musste sich der Finanzberater überraschend einer Kampfabstimmung stellen. Sein langjährige Jugendwart und Vize Carsten Schmidt kandidierte gegen ihn mit der Begründung, Kribben stehe dem Berliner Schach wegen seiner anderen Verpflichtungen zu wenig zur Verfügung. Auslöser war ein von Kribben kurzfristig abgesagte Vorbesprechung wenige Tage vor dem Verbandstag, wie dem sehr ausführlichen Bericht von BSV-Webmaster Frank Hoppe zu entnehmen ist.

So mancher seiner Kritiker sah freilich in Schmidt, der schon öfter mehr versprochen als gehalten hat, keine Alternative. Kribben erhielt mit 83:63 Stimmen für die nächsten zwei Jahre noch einmal eine Mehrheit, die für mich allerdings überraschend gering ausfiel. Für das zurück liegende Jahr waren 8000 Euro Defizit eingeplant gewesen, es wurden nur 4300. Das ist zu verkraften dank der Rücklagen, die noch auf die Ära Seppelt zurückgehen, als der Verband immer weniger tat. Aber Kribben wird sich auch da etwas ausdenken müssen.

PS: Wie mir aus Berlin zugetragen wird, verdankte Carsten Schmidt seine 63 Stimmen zum guten Teil der Tatsache, dass Kribben nahezu ohne Vorstand kandidieren musste, weil ihm ja Schmidt und Turnierleiter Möller quasi unmittelbar vor der Wahl davon gelaufen waren. Kurioserweise ließ sich Schmidt im Anschluss an die verlorene Präsidentenwahl zum Vizepräsidenten wählen. Auf die Frage, ob er zur Verfügung stehe, soll er vor der Verlassung erklärt haben, er werde Kribben weiterhin bekämpfen. Was Schmidt bewegt? Hass auf den von gutteils von Kribben geleiteten Deutschen Schachbund, in dessen Geschäftsstelle Schmidt lange als Hilfskraft angestellt war, bis er hinausgeworfen wurde.

Freitag, 4. April 2008

Betrüger! Betrüger?

Frage: Wer hat in folgender Blitzpartie 2600 Elo und wer 2300?
1. e4 c5 2. Se2 d6 3. g3 Sc6 4. Lg2 g6 5. c3 Lg7 6. d4 cxd4 7. cxd4 Db6 8. Le3 Dxb2 9. Sbc3 Sxd4 10. Lxd4 Lxd4 11. Tc1 Lxc3+ 12. Sxc3 Lg4 13. f3 Dxg2 0-1

Antwort: GM Galkin hatte Weiß und einen wirklich schlechten Tag. Schwarz war Ufuk Tuncer, ein junger türkischer Schwabe (da er in Bremen geboren ist, dürfe ich ihn aber auch als türkischen Fischkopf bezeichnen, hat er mir inzwischen mitgeteilt, Nachtrag 8.April) mit etwas über 2300 Elo, der aufgrund dieser Partie (in der einfach nur einstehendes Material eingesammelt hat) und ein paar weiterer Partien von Chessbase als Betrüger bezeichnet wird. Tuncer und Sebastien Feller, ein junger französischer GM, seien im März bei einem Server-Turnier, in dem ein erster Preis von 2000 Dukaten (entspricht 200 Euro, ist aber nicht bar auslösbar) ausgelobt war, der Enginehilfe überführt worden.

Feller hält sich anscheinend bedeckt, doch Tuncer wehrt sich im Schachfeld-Forum und erhält dort auch einige Rückendeckung.

Ein paar Blitzpartien sind als Basis für ein Betrugsurteil dünn. Chessbase sollte sich seiner Sache sehr sicher sein, ist der Ruf von Tuncer und Feller doch ziemlich beschädigt. Eine Nachfrage von Tuncer hat das Hamburger Softwarehaus jedenfalls bisher nicht beantwortet. Was darauf hindeutet, dass mal wieder Anwalt Martin Fischer (im Nebenjob stolzer Turnierleiter auf dem Fritz-Server) für Chessbase ran muss.

PS: Wenige Tage später veröffentlicht Chessbase eine DVD unter dem Titel Chess for Scoundrels, Schach für Schufte! Die Definitionsmacht, wer im Schach ein Schuft ist, reklamiert Chessbase auf mehr oder weniger subtile Weise für sich.

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