Mittwoch, 2. April 2008

Fischers Nachlass

...wurde auf Chessbase anlässlich des 1.Aprils fantasiereich gewürdigt. Es gibt freilich auch einen ernsten Hintergrund, von dem hier schon einmal die Rede war. Der alternde und zunehmend exzentrischere Exweltmeister kämpfte in seinen letzten Jahren um einige Kisten mit Aufzeichnungen und Dokumenten, die er sich Mitte der Neunziger von den USA nach Budapest schicken ließ und dort hinterließ, als er Ende der Neunziger nach Asien weiterzog. Dieser Teil des Nachlasses befindet sich nun offenbar im Besitz von Janos Rigo, von dem wir bald mehr darüber erfahren dürften. Der umtriebige Budapester IM und Schachveranstalter, der beispielsweise das Bobby Fischers Gedächtnis gewidmete Großmeisterturnier im Kurort Héviz organisiert hat, arbeitet nämlich an einem Buch über Fischers Zeit in Ungarn, das noch dieses Jahr in ungarischer Sprache erscheinen soll.

In Berlin hat sich ein anderer seiner Erlebnisse mit Bobby Fischer erinnert und in seinem Archiv gekramt, nämlich der langjährige Präsident des Berliner Schachverbands Alfred Seppelt, wie in der April-Ausgabe von Schach nachzulesen ist. Seppelt hatte den Amerikaner 1960 und dann noch einmal 1978, also Jahre nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit, zu Besuch. Nach dessen Abreise veröffentlichte Seppelt ein Erinnerungsfoto und einen Artikel in der Berliner Morgenpost, wovon Fischer erfuhr und daraufhin den Kontakt abbrach. Was in Schach nicht steht: Seppelt ärgerte sich später, sein sensationelles Material für 250 Mark an die Springer-Zeitung verhökert zu haben. Der Stern, war er überzeugt, hätte ihm mindestens 5000 Mark gezahlt.

Dienstag, 1. April 2008

WM-Sponsor muss Strategie wechseln

Evonik, der aus der RAG hervorgegangene Mischkonzern, der die Schach-WM in Bonn sponsert, verschiebt, wie der Spiegel unter Berufung auf mehrere Agenturen berichtet, seinen eigentlich für 2008 geplanten Börsengang. Abgezeichnet hatte sich das schon im Dezember. Die Verschiebung kommt der RAG-Stiftung zwar nicht gelegen, aber bedrohlich sieht sie die Lage nicht. Auf der unternehmenseigenen Website gibt es im Moment noch kein Statement.

Was bedeutet das für die WM? Der erste Teil der Aktien sollte eigentlich vor Oktober an die Börse. Wenn der neue angepeilte Termin nicht zu lange nach dem Wettkampf liegt, kann das Match eine stärkere Rolle spielen. Ohnehin ist die Umbennung und der neue Name Evonik vielen noch kein Begriff, und da die WM nun vor dem (stärker beachteten) Börsengang liegt, hat sie nun das Potenzial, signifikant zu einer größeren Bekanntheit beizutragen. Im Unterschied zu dem von der RAG Ende 2006 an gleicher Stelle gesponserten Schaukampf zwischen Kramnik und Deep Fritz muss es allerdings gelingen, den Sponsor mit ins Blickfeld zu rücken. Wenn aber, was damit wahrscheinlicher wird, Evonik mit der WM wirbt, hilft das auch dem Schach.

Ansfelden bleibt

Franz Pollhammer hat den Schachverein Union Ansfelden 1996 mit nur sechs Mitstreitern gegründet. Sechs Jahre später machte er bereits sein Debut in der obersten österreichischen Liga. 2005 und 2007 wurde der Linzer Vorortclub Meister, 2005 auch Neunter im Europacup. Vor wenigen Wochen sah es aus, als wäre die laut Vereinsseite "unglaubliche Erfolgsgeschichte" mit einem radikalen Schlussstrich beendet. Denn Pollhammer ist im Februar im 82. Lebensjahr verstorben. Und ein anderer Mäzen, der in seine Rolle schlüpfen würde, ist nicht in Sicht.

So hörte man bei der letzten Bundesligarunde in Graz Mitte März, dass die Mannschaft wahrscheinlich zurückgezogen werde, der Drittletzte, das wurde Klagenfurt, also noch auf den Nichtabstieg hoffen durfte. Doch Verein und Mannschaft haben rasch zusammengefunden: Ohne die für die Erfolge unersetzlichen Profis Babula, Gyimesi und Ftacnik will kommende Saison eine österreichische, ja weitgehend oberösterreische Mannschaft erhobenen Hauptes antreten, bevor der schwer vermeidbare Gang in die Zweite Liga folgt.

Hermann Knoll, Christian Weiß und Alois Hellmayr müssen dazu nicht nur auf die bisherige zweite Mannschaft zugreifen, sondern haben starke Mitstreiter gefunden. Josef "Pepi" Klinger, der gelegentlich schon mal ein Wochenende für Ansfelden antrat, wird gänzlich reaktiviert. Honorar verlangt der ursprünglich aus dem Salzburgischen stammende Wiener Pokerprofi keins. Ebenfalls ein Comeback macht Alfred Felsberger, ein sehr starker FIDE-Meister, der früher mal für Meister Merkur Graz spielte. Dass er es nicht verlernt hat, zeigte er etwa als Sieger beim Tschaturanga-Weihnachtsblitz oder beim traditionellen Schnellturnier in Leutasch, wo er auch mit Knoll und Weiß ins Gespräch kam. Vielleicht wird mit Harald Casagrande auch ein weiterer Linzer IM, der auf Poker umgesattelt hat, wieder regelmäßig Bundesliga spielen.

Dem Österreicher-Schnitt in der Liga (der in der zu Ende gegangenen Saison auf 38 Prozent der Einsätze fiel) wird das gut tun. Und diese Mannschaft kann auch das Ergebnis des diesjährigen Letzten Gleisdorf schlagen (20 von 66 möglichen Brettpunkten - Tabelle) und so manche Mannschaft ein bisserl ärgern.

Am 1.Mai findet im "Strauss", der Vereinsgaststätte der Ansfeldener, übrigens das erste Franz-Pollhammer-Gedächtnisturnier statt.

Sonntag, 30. März 2008

Shopping Mall Hangover

Gusenbauer ist dann doch nicht in die Plus City nach Pasching bei Linz gekommen, um sich mit Kasparow am Schachbrett ablichten zu lassen. Das Aufräumen nach der halbwegs überstandenen Koalitionskrise ging für den österreichischen Kanzler vor.

Aber die Klitschkos kamen. Mit dem Privatjet. Ließen sich mit Judit Polgar am Schachbrett ablichten, chatteten, signierten ein paar Bücher und Boxhandschuhe, jetteten wieder davon.

Sonst wirkte Judit ein wenig wie das fünfte Rad am Wagen. Am Samstag hieß es plötzlich, es gebe noch freie Simultanplätze. Waren es sieben Bretter, acht oder nur sechs, übrigens neben zwei umlagerten Pokertischen eines Kartencasinos, an denen sie antrat? Jedenfalls war die Ungarin im Nullkommanichts fertig und vielleicht ein bisschen peinlich berührt, wie wenig sie für ihr Geld zu tun hatte.

Kasparow, der schon das dritte Mal in zwei Jahren für Veranstalter Michael Stöttinger in Österreich auftrat, dagegen spielte an 32 Brettern. Klaus Bischoff, der als Kommentator verpflichtet war, meinte, in zwei Stunden sei das geritzt. Von wegen. Garri blieb immer wieder minutenlang an einzelnen Brettern stehen. Unbedingt wollte er alle Partien gewinnen (wie schon 2006). Das kostete sechs Stunden. Gegen Ende schaute er fahl und etwas desorientiert. Ob er von dem Buerlecithin naschen musste, von dem eine Flasche auf dem Tisch in der Mitte des Karrées stand, habe ich nicht mehr mitbekommen.

Das Schnellturnier begann mit langen Warteschlangen von Schachspielern, an denen sich die Samstagsshopper vorbeidrängeln mussten. Es lockte ein Dutzend Großmeister, darunter auch Naiditsch, der direkt von seinem geteilten Turniersieg im ungarischen Héviz anreiste. Schließlich gab es 2000 Euro für den Ersten. Naiditsch teilte ihn mit Kaschgalejew und Pavasovic.

Das Turnier fing mit einer Stunde Verspätung an und endete mindestens anderthalb Stunden später als erwartet. Aber das war bei der ersten Ausrichtung in der ungewohnten Umgebung eines Einkaufszentrums kaum anders zu erwarten.

Eine unschöne Sache ereignete sich nach der vorletzten Runde. Prusikin hatte in einem symmetrischen Damenendspiel remis reklamiert. Der einzige Weg seines Gegners aus dem Dauerschach war die Abwicklung in ein trivial remises Bauernendspiel. Der gerufene Schiedsrichter ließ sich die gegnerischen Gewinnversuche zeigen, bis Prusikins Plättchen fiel und entschied auf remis. Soweit ich weiß korrekt (allenfalls hätte der Schiri auch bei gefallenem Plättchen noch weitere Gewinnversuche zeigen lassen können, bevor er entscheidet), da im Schnellschach kein Recht darauf besteht, auf Zeit zu gewinnen. Aber es brachen allerhand Diskussionen aus. Während sich Prusikin heraushielt, ergriff u.a. Naiditsch Partei für seinen Gegner. Die beiden mögen einander nicht, um es gelinde zu sagen. Der Hauptschiedsrichter ließ sich von den Argumenten offenbar beeindrucken, revidierte die Entscheidung und nullte Prusikin.

Die Plus City, die Ernst Kirchmayr gehört, angeblich ein Verwandter, aber zumindest ein Geschäftspartner von Veranstalter Michael Stöttinger (Grandmaster Consulting), hat sich das Schachspektakel viel an Honoraren und einer professionellen Szenerie für das Kasparow-Simultan auf dem zentralen Platz der außerhalb von Linz gelegenen Shoppingmall kosten lassen. Es war leicht das teuerste Schachevent des Jahres in Österreich. (Thomas Pähtz war wieder da und hat noch mehr fotografiert als letztes Mal, was wohl einen umfassenden Fotobericht an gleicher Stelle - oder bei Chessbase - erwarten lässt. Inzwischen hier zu sehen.)

Einen anderen Ansatz, wie man in Einkaufszentren zugleich für Schach werben kann und mit einem vernünften finanziellen Aufwand Kinder und Gelegenheitsspieler unter den Shoppern mit einer Mischung aus Show, Spielgelegenheit, Anfängerunterrricht und Ausstellung anspricht, macht seit vielen Jahren der Hamburger SK vor (der mit den Honoraren seine Bundesligamannschaft finanziert, und es stehen gerade wieder lange EKZ-Wochen in Hamburg an, hier beispielhaft ein Programm, wie so etwas abläuft). Dazu muss man freilich mehr an Schach glauben und weniger an Promis.

Freitag, 28. März 2008

Politschach

In Russland würde Garri Kasparow nur zu gerne mal ein Partiechen mit Putin oder dessen Ersatzmann Medwedjew wagen, z.B. in Form eines Rededuells im Fernsehen oder auch nur der Veröffentlichung eines Artikels in der russischen Presse (wie seinem bissigen Kommentar zu TIME´s Entscheidung für Putin als Mann des Jahres 2007 zu entnehmen ist). In Pasching bei Linz darf er heute in einem Einkaufszentrum ein paar Züge gegen Ösikanzler Gusenbauer ausführen und am Samstag ein paar Simultanrunden drehen. Für ein artiges Honorar, das wohl in seine Oppositionsarbeit fließen wird, etwa derzeit die Vorbereitung von Protestmärschen gegen die Angelobung von Medwedew. Ob Gusi weiß, dass sein Treffen mit Kasparow im Kreml nicht so gerne gesehen wird würde? (der Kanzler kam nicht, siehe nächster Beitrag oben)

Donnerstag, 27. März 2008

Vorhang auf für Foidos

DGT hat offenbar rasch Fortschritte in der Entwicklung des bereits angekündigten Übertragungssystems für die WM gemacht. Am kommenden Mittwoch, den 2.April, ab 14 Uhr spielt Kramnik in Enschede ein Handicap gegen Marie Sebag und Jan Werle, bei dem das System Foidos seine öffentliche Feuertaufe erleben wird.

Mittwoch, 26. März 2008

Mehr sehen ohne Brett vorm Kopf

Man kann wirklich nicht behaupten, dass beim Amberturnier im Blindspiel nichts riskiert, auf Sicherheit gespielt wird, um nichts einzustellen. Es sind auch erwartungsgemäß ein paar Einsteller passiert. Trotzdem liegt die Remisquote in den Blindrunden deutlich höher als bei Ansicht des Bretts. Wenn ich richtig gezählt habe bei sechzig Prozent gegenüber fünfzig Prozent in den herkömmlichen Schnellpartien. Ein Zufall, wie er im Sport eben statistisch passiert, oder hat jemand eine vernünftige Erklärung?

Topalows Topfen

Juri Wassiljew hat für den russischen Sport-Ekspress nach dem Turnier in Linares ein Interview mit Wesko Topalow geführt, das nun auf Englisch bei Chessbase nachzulesen ist (und wir freuen uns schon auf die freundlichen Worte, mit denen das Stück auf der deutschen Chessbase-Seite verlinkt werden wird). Toppy gibt zu, dass er mit seinem Leben gar nichts anderes anzufangen wüsste als Schach zu spielen. Er findet, dass der Abtritt von Kasparow dem Spitzenschach genutzt habe. Seine schwächeren Resultate erklärt er damit, dass er öfter als andere die Kontrolle verliere und es ihm, wenn er ein Turnier nicht gewinnt, nichts ausmache, ob er am Ende Dritter oder Fünfter werde. Was dann auch der tiefere Grund seiner Absage für den FIDE-Grandprix ist, denn ihn hätte nur der erste Platz interessiert und um diesen zu kämpfen fiele ihm, während er zugleich um den Grandslam und den WM-Titel spielt, zu schwer. Dass er seinen Gegner im Herausforderermatch Kamsky als stärkeren Matchspieler als Kramnik darstellt, ist allerdings, wie es hier in Österreich heißt, ein Topfen und eigentlich nur durch seine tief liegende Abneigung gegen seinen WM-Bezwinger von 2006 zu erklären. An der, so Topalow, werde sich auch nichts mehr ändern.

Dienstag, 25. März 2008

Milliardäre

Joop van Oosterom, der Mäzen des Amberturniers (Aronjan ist mit 2,5 Punkten Vorsprung vor den letzten zwei Doppelrunden praktisch durch), ist wahrscheinlich der stärkste Schach spielende Milliardär, aber längst nicht der einzige. Diesem ursprünglich in der philippinischen Sun Times erschienen Artikel zufolge spielt Paul Allan, der zweite Mann bei Microsoft und etwa halb so reich wie Bill Gates, regelmäßig. Larry Ellison von Oracle habe zumindest früher viel gespielt. Das gilt auch für Ebay-Gründer Pierre Omidyar. Und Michael Birch, der Gründer von Bebo (das gerade von AOL aufgekauft wurde, mehr über ihn, ebenfalls mit einer Schachreferenz, hier), unterhalte sogar einen privaten Schachklub in San Francisco. Der Artikel listet noch einige weitere, weniger prominente, aber auch recht vermögende Schachnerds aus dem Silicon Valley.

Sonntag, 23. März 2008

Immer diese drei

Wijk: 1.-2. Aronjan, Carlsen, 3. Anand
Linares: 1. Anand, 2. Carlsen, 3. Aronjan
Nizza (nach 8 von 11 Runden): 1. Aronjan, 2. Carlsen, 3. Anand Leko (den sah ich einen halben Punkt zu niedrig), 4. Anand

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