Samstag, 22. März 2008

Very Nice!

Nochmals zum Amberturnier: Gelfand verwechselte am Freitag mit seinem letzten Zug im Blindspiel gegen Kramnik in völlig ausgeglichener Stellung Springer und Dame, was letztere gekostet hätte, hätte Kramnik dem gut befreundeten Israeli nicht ganz Gentleman sofort remis geboten. Bedenkt man, dass ein halber Punkt in dem engen Feld am Ende einigen Unterschied in Rang und Preisgeld ausmachen kann, eine lobenswerte Geste.
Das gilt auch für Lewon Aronjan und Schachrijar Mamedscharow. Der Armenier und der Aserbaidschaner verstehen sich ausgezeichnet. Der wie üblich sehr lesenswerte Tagesbericht von Turnierdirektor Dirk Jan ten Geuzendam hat auch ein Foto, wie die beiden noch wenige Minuten vor ihrer Partie als Team am Fußballkicker zusammenspielen.
Oder muss Mamedscharow nun nach seiner Heimkehr mit Repressionen rechnen? Sein Landsmann Radschabow hat in der Vergangenheit auf die patriotische Karte gesetzt und den armenischen Erzfeind mit Verachtung und bösen Worten gestraft. Beim ersten FIDE-Grandprix nächsten Monat in Baku übrigens wird Aronjan nicht am Start sein.

Donnerstag, 20. März 2008

Spaßige Runde

Das Amberturnier, erst Blind- dann Schnellschach, scheint seinen Teilnehmern dieses Jahr wieder richtig Spaß zu machen. Für einige Weltklassespieler ist es das einzige Turnier, zu dem sie ihre Partnerin mitnehmen. So im Luxus wie als Gäste von Joop van Oosterom, dem größten Mäzen unseres Spiels, schwelgen die meisten sonst nie (ein bisschen davon kommt in den feinen Videos von Peter Doggers und Macaulay Peterson zum Ausdruck). Zur Abwechslung wird nicht im eher öden Monte Carlo sondern in Nizza gespielt, wodurch sich mehr Zuschauer einfinden. Es stehen zwar keine Elopunkte auf dem Spiel aber doch sehr viel Preisgeld, nämlich mehr als 200 000 Euro. Wassili Iwantschuk verwöhnte mit einer Neuerung, bei der er nicht weniger als die Dame für zunächst nur zwei Bauern und Entwicklungsvorsprung opferte. Auch sonst wird jede Menge spektakuläres Gehacke geboten. Gleich zum Auftakt krönte Anand einen Schwarzsieg gegen Kramnik mit einem Damenopfer. Später entzauberte Morosewitsch den Weltmeister. Carlsen, der voriges Jahr im Blindschach keine Partie gewonnen hat, mischt kräftig auf. Erstmals seit der Toiletten-WM in Elista hat Kramnik mal wieder Topalow geschlagen, und zwar sehr ansehnlich und energisch. Zum Handshake kam´s trotzdem nicht. Ganz vorn liegt aber fürs erste Aronjan. Der profitierte von einem Überseher Carlsens, der in Remisposition einen Turm einstellte, das noch korrigieren wollte, aber von Aronjan und Schiedsrichter Gijssen darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er das gute Stück bereits auf dem bösen Feld abgesetzt hatte. Carlsen hat sich entschuldigt und sollte nicht wie Kasparow wegen eines sehr ähnlichen Vorfalls mit Judit Polgar noch Jahre als Jadoubowitsch verfolgt werden.

Grundschulschachpädagogik

Es ist ein Durchbruch für Schach in den USA: Als erster US-Bundesstaat führt Idaho flächendeckend aus dem öffentlichen Budget Schulschach für Zweit- und Drittklässler ein, berichtet Dylan Loeb McClain in der heutigen New York Times. Ein Politprojekt verlief vielversprechend. Eine Lehrerin wird zitiert, die besonders schätzt, dass die Kinder beim Schach lernen vorauszudenken.

Nicht Schachtrainer sollen unterrichten, sondern Grundschullehrer, die in speziellen Schachseminaren dafür ausgebildet werden. Wenn Turnierspieler Anfänger unterrichten, wollen sie oft zu viel oder können nicht recht auf die Kinder eingehen, sagte mir in Wijk aan Zee Jan van de Mortel, ein niederländischer IM, der seit vielen Jahren in Chicago zusammen mit einem Partner erfolgreich eine Schachschule betreibt. Auf Pädagogen zu setzen sei in Wahrheit der bessere Weg für die sieben- bis zehnjährigen Anfänger. Zuletzt hat Jan begonnen, Pädagogikstudenten und Junglehrer für den Schachunterricht vorzubereiten, was sehr gut funktioniere.

Wie Jans Firma gibt es viele in den USA, die Schachlehrer in die Schulen schicken, vor allem in den Nachmittagsstunden, aber auch in der Mittagspause oder vereinzelt in der Stunde vor dem regulären Unterrichtsbeginn am Morgen. Bezahlt werden die Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse teils von den Eltern, teils von den Schulen, teils auch von Sponsoren - und nun erstmals in großem Stil von einem Bundesstaat.

Dienstag, 18. März 2008

Family Business

Seit heute ist es offiziell, die Dortmunder Pressemitteilung kam nicht per E-Mail sondern über Chessbase: Wladimir Kramnik bestreitet sein letztes Turnier mit langen Partien vor der WM vom 28.Juni bis 6.Juli in Dortmund. Seinem Manager Carsten Hensel und dessen Spezi Stefan Koth ist nichts Besseres eingefallen, als Peter Leko, seit 1998 ununterbrochen jedes Jahr dabei und auch ein Hensel-Schützling, wieder einen Platz zuzuschanzen. Wenn man schon beim Versorgen der Familie aus den Taschen der städtischen Gelder (die Stadtsparkasse zahlt den größten Batzen) ist: Loek van Wely, WM-Sekundant Kramniks im vorigen und wohl auch in diesem Jahr, darf wieder mitspielen.

Arkadij Naiditsch ist als Dortmunder sowieso gesetzt und vielleicht wieder für eine Überraschung gut. Schachrijar Mamedscharow, der trotz seiner hohen Elo und originellen Spielweise bisher nicht von Einladungen verwöhnt ist, darf immerhin auch noch einmal. Ein Platz war für den Sieger des Aeroflotturniers reserviert, womit wir uns wenigstens ein bisschen auf Ian Nepomniaschtschi Nepomnjaschtschi (die Schreibweise der russischen Namen üben wir noch, gell?) freuen dürfen. Weil wegen der Fußball-EM ohnehin kein Zuschauerrekord drin ist, werden es heuer heuer nur sieben Runden sein, ergo acht Spieler und zwei Namen fehlen damit noch: Aufgrund der Überschneidung mit dem Grandslamturnier in Mexiko City dürfte es nicht leicht gewesen sein, einen ganz bekannten Spieler zu kriegen. Ein solcher musste es für die Dortmunder wohl unbedingt sein. Die Wahl fiel auf Wassili Iwantschuk.

Eigentlich um zwei Jahre zu spät kommt die Einladung an Jan Gustafsson. Endlich mal ein zweiter Deutscher im Feld. Soweit so gut. Mich würde allerdings nicht wundern, wenn Gusti, der ein ausgezeichneter Theoretiker und guter Freund Loeks ist, Kramnik bei der WM sekundiert und damit auch zum Mitglied der Familie wird.
Nachtrag am 7.April: Gusti sagt, er wisse nichts davon, dass er Sekundant werden soll. Da sei nichts dran.

Turniere, wo seid Ihr?

Harmen Jonkman hat vielen Turnierspielern über die Jahre einen großen Dienst erwiesen, indem er auf seiner Website bevorstehende Turniere in aller Welt listete. Denn wer mag schon ständig diverse nationale Kalender auf der Suche nach einem Open durchgehen? Im Herbst hat der Großmeister aus Beverwijk offenbar die Lust am Kalenderführen verloren. Vielleicht auch aus Enttäuschung, dass sein Projekt keine Sponsoren fand. Ich hätte ja gemeint, dass die Berufsspielervereinigung ACP daran Interesse haben müsste. Oder Global Chess, der von Bessel Kok geleitete Vermarktungsarm der FIDE. Das letzte, offenbar schon vor Monaten von Harmen eingetragene Turnier ist seit ein paar Tagen vorbei, ab April ist seine Liste leer.

Müssen wir nun mit dem alles andere als augenfreundlichen FIDE-Kalender vorlieb nehmen. Igor Gleks Website World League of Chess Tournaments klingt zwar dämlich, ist aber schon erträglicher. Nur deckt diese Seite längst nicht so viele Länder ab wie Harmens Liste und könnte auch rasch wieder aus dem Netz verschwinden, falls die von Glek verfolgten (und von mir nicht durchschauten) Absichten scheitern.

Montag, 17. März 2008

Das Da-Vinci-Spiel

Ein lange verschollenes Schachbuch von Luca Pacioli ist in Italien wieder aufgetaucht. In Rovereto, wenige Kilometer vom Nordufer des Gardasees entfernt, ist es derzeit in einer Ausstellung zu sehen. Nun kursiert die Vermutung, dass kein Geringerer als Leonardo da Vinci an der Entstehung des "De Ludo Scachorum" beteiligt gewesen sei. Sie stützt sich auf die Freundschaft zwischen Pacioli und Leonardo und ein anderes gemeinsames Projekt in der Periode, in der das Manuskript entstanden ist. Von Associated Press interviewte italienische Experten äußern den Verdacht, dass Leonardo die Schachdiagramme gezeichnet habe. Selbst Raymond Keene, der sich eine gute Schlagzeile ungern entgehen lässt, mag in der Times nicht recht an eine Beteiligung des Universalkünstlers zu glauben. Leonardos Nennung dient wohl eher einem anderen Zweck, nämlich Publicity für die Ausstellung und den Absatz der immens teuren Facsimile-Editionen zu schaffen.

Sonntag, 16. März 2008

Danke Rainer!

Baden, mein österreichischer Klub, ist Meister! Die letzte Entscheidung fiel am Brett (Foto) von Rainer Buhmann (Maria Saal) und Krunoslav Hulak (Holz Dohr): Buhmann gewann mit präzisen Zügen ein Turmendspiel. Damit hat der SK Advisory Invest Baden sowohl nach Brett- als auch Mannschaftspunkten mit Holz Dohr Semriach gleichgezogen und ist dank dem Sieg im direkten Vergleich offizieller Meister (Mannschaftsfoto von der Siegerehrung).

Der Showdown um den Titel (hier auch ein ausführlicher Bericht auf der ÖSB-Seite) in Graz war an Spannung kaum zu übertreffen. Holz Dohr hatte einen halben Brettpunkt Vorsprung vor den letzten vier Runden und baute diesen am Donnerstag durch ein 4,5:1,5 gegen Pamhagen aus. Dass nicht mehr als ein halber Punkt dazu kam, lag am etwas glücklichen Badener 4:2 gegen Mayrhofen: Mein Gegner verpasste wiederholt das Remis, Reini Lendwais Gegner stellte in Zeitnot einen Bauern ein.

Am Freitag sah es bei Holz Dohr nach einer knappen Niederlage gegen Wulkaprodersdorf aus, während Baden einem Sieg gegen Ansfelden entgegensteuerte. Doch es kam anders: Holz Dohr gewann 3,5:2,5, Baden verlor 2,5:3,5. Socko ließ Ftacnik aus, Baumegger verpatzte eine Gewinnstellung, und Stohl unterlag überraschend, aber nicht unverdient gegen Alois Hellmayr, 2320. Das Rennen schien gelaufen, als ich abreiste, um die Badener Zweite im Kampf gegen den Abstieg aus der Zweiten Liga zu unterstützen (Mission erfüllt). Vor dem direkten Vergleich am Samstag war Holz Dohr, das nunmehr mit sechs Großmeistern aus sechs Nationen antrat, um zwei Punkte vorn.

Am Samstag gelang Baden dann ein 3,5:2,5, wobei Bartek Socko am Spitzenbrett seine erste Saisonpartie gewann - mit Schwarz gegen Alexander Beljawski! Auch Csaba Balogh, der eine ausgezeichnete Saison spielte, gewann seine Partie gegen Wladimir Baklan. Hulak verkürzte für Holz Dohr gegen Igor Rausis. Damit blieb dem Favoriten ein Punkt Vorsprung vor der letzten Runde.

Im Nachhinein ist natürlich leicht zu bemängeln, dass Holz Dohr gegen Maria Saal zwei Weißpartien mit klarem Eloplus (Kornejew gegen Bunzmann und Freitag gegen Kreisl) früh remis gab. Beljawski sorgte mit einem Marshallsieg gegen Ragger für die Führung, die Tony Kosten, mit 9 aus 11 übrigens Topscorer der Liga, etwas glücklich gegen Tratar ausbaute. Holz Dohr hatte 3,5 Punkte und noch eine laufende Partie. Was tat Baden?

Balogh und Sebi Siebrecht hatten mit Schwarz früh remis gemacht. Socko gewann zum Abschluss gleich noch einmal und brachte Baden durch einen Sieg gegen den bis dahin ungeschlagenen Davit Shengelia in Führung. Reini Lendwai legte erwartungsgemäß einen drauf. Nicht unbedingt zu rechnen war mit Siegi Baumeggers Sieg gegen Eva Moser, die in Zeitnot die Kontrolle verlor. Damit hatte Baden 4,5 Punkte. Den Rest besorgte Buhmann gegen Hulak.

(Nachtrag 17.3.:) Während Baden meiner Rechnung nach durchschnittlich 2513 Elopunkte an die Bretter brachte, war Holz Dohr mit gemittelt 2562 Elo im Einsatz deutlich favorisiert.

Inoffizieller Österreichischer Meister mit mindestens drei Österreichern pro Kampf wurde am Ende doch nicht Buhmanns Klub Maria Saal, der am Ende mit je zwei Deutschen und Slowenen antrat (also auch gegen Holz Dohr, wovon Baden profitierte), sondern, wenn man den seit Jahren in Wien lebenden Shengelia bereits als Österreicher rechnet, Styria Graz. Sonst der Tabellenletzte Gleisdorf.

Mayrhofen und Gleisdorf steigen ab. Der Drittletzte Klagenfurt hält die Klasse, falls Union Ansfelden, nachdem der Klubmäzen vor kurzem verstorben ist, seine Mannschaft zurückzieht.

Freitag, 14. März 2008

Absteigen

Bringe ich Unglück? Es scheint so. Acht Partien habe ich in dieser Bundesligasaison für Kreuzberg gespielt. Alle acht Kämpfe haben wir verloren. Sechs davon mit 3,5:4,5 (auch wenn es bis hier so aussieht: dies ist nicht das gleiche Stück wie das auf der Bundesligaseite). Können wir unsere Punkte nicht geschickter verteilen? Mit 3,5 aus 8 habe ich genau das Kreuzberger Standardergebnis. Hätte ich meine Punkte nicht besser verteilen können? Nur an einem der bisher fünf Wochenenden hat die Mannschaft gepunktet. Und da war ich nicht dabei.

Es wäre nicht mein erster Abstieg. In meinen ersten Bundesligajahren kannte ich nichts anderes. 1986/87 mit Karlsruhe. 1988/89 mit Kreuzberg. 1989/90 mit Zehlendorf. Und 1993/1994 noch einmal mit Zehlendorf. Stets wäre der Klassenerhalt ein Erfolg gewesen. Darum war es auch nie so schlimm. Dann bin ich zum HSK gewechselt. Der ist noch nie abgestiegen und auch nicht mit mir. Zwar galt es auch beim HSK jedes Jahr, genügend Punkte für den Klassenerhalt zu sammeln, aber das war in der Regel einige Runden vor Schluss bereits geschafft. Solider Mittelstand eben.

2002 bin ich zu Kreuzberg zurückgekehrt und Kreuzberg in die Bundesliga. Die Mannschaft war stark genug, mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. Im guten Mittelfeld sollten wir spielen. Fünf Spielzeiten lang ging das gut. Stets haben wir ein dickes Polster zu den Abstiegsplätzen aufgebaut, stets einstellig abgeschnitten. Wir waren Fünfter, Sechster, Siebter und zweimal Achter. Doch in dieser Saison läuft gar nichts. Zumindest nicht, wenn ich dabei bin. Selbst mit Zehlendorf und Karlsruhe habe ich nicht so oft auf die Hucke bekommen.

Wie fällt man von einer Saison zur nächsten vom Mittelfeld tief in die Abstiegsränge? Die Liga ist etwas stärker geworden, aber das allein ist es nicht. Die Kreuzberger Mannschaft ist praktisch die gleiche geblieben. Das scheint nicht mehr zu reichen. Dass eine Reihe von uns auf dem absteigenden Ast sind, hatte sich schon vorher abgezeichnet. Doch es wäre zu verkraften gewesen, hätten wir unsere Punkte geschickter verteilt. Zählten die Brettpunkte, wäre Kreuzberg gerade noch auf einem Nichtabstiegsplatz. In der Elobilanz ist die Mannschaft übrigens nicht im Minus sondern spielt entsprechend ihrer Erwartung.

Vielleicht fehlt jemand, der die Mannschaft mitreißt. Durch Kampfgeist, ein eigenes gutes Ergebnis, die richtigen Worte an die Mitspieler. Aber wenn ich recht überlege, gibt es in wenigen Mannschaften so jemand. Einen wie Rainer Polzin bei Schachfreunde Berlin. Vielleicht Artur Jussupow für die deutsche Auswahl 2000 in Istanbul. Sonst fällt mir auf die Schnelle keiner ein.

Vier Spieltage stehen noch aus. Wird sich Kreuzberg noch einmal aufbäumen? Ich bin pessimistisch. Ein schlechtes Zeichen war schon, dass wir in Bindlach einen völlig überforderten Jugendspieler eingesetzt haben. Nach keiner der Niederlagen habe ich eine Konsequenz innerhalb der Mannschaft bemerkt. Eine Matchtaktik gab es nie. Auch das Schielen auf die Zweite Mannschaft und dass sie den Lapsus der Ersten in der Zweiten Liga Nord ausbügelt, spricht dagegen. Und dass unser Hauptgeldgeber bereits angekündigt hat, dass er eine Funktion im Verein niederlegt.

Hoffnungslosigkeit. Keine Lust mehr auf die Kämpfe. Ein unterschwelliger Verdacht, dass die Mannschaft auseinander fällt. So fühlt sich Absteigen an.

Donnerstag, 13. März 2008

Wem gebührt die Ösimeisterschaft?

Anders als in der deutschen Bundesliga ist der Titelkampf beim österreichischen Namensvetter spannend (hier die Tabellen). Von diesem Donnerstag an steigt in Graz die Entscheidung. Wie seit vielen Jahren üblich live.

Der hohe Favorit Holz Dohr Semriach hat nur einen halben Punkt Vorsprung vor dem SK Advisory Invest Baden (für den ich spiele). Der direkte Vergleich am Samstag könnte entscheidend sein. Auch Wulkaprodersdorf und Hohenems dürfen sich wegen des erheblich leichteren Restprogramms noch gewisse Hoffnungen machen.

Von Semriach war vor der Saison ein Durchmarsch befürchtet worden. Fast so wie einst der frühere Abonnementmeister Merkur Graz, dessen Spielrecht auf Umwegen inzwischen bei Semriach gelandet ist. Doch obwohl stets fünf Großmeister (darunter Beljawski und Baklan) an den Brettern waren, hat sich der Favorit nicht absetzen können. Dass er überhaupt knapp führt, ist allein Tony Kostens 6,5 aus 7 zu verdanken.

Die Aufhebung der Ausländerbeschränkung vor dieser Saison (bisher mussten mindestens drei der sechs Bretter mit Österreichern besetzt werden) hat nicht nur Semriach sondern auch Baden zum Aufrüsten verleitet. Selbst wenn ich, da ich seit Jahren in Wien lebe, als Inländer gewertet werde, ist Baden bisher stets mit vier Ausländern angetreten. Wulkaprodersdorf und Hohenems haben ebenfalls in der Regel vier Ausländer an die Bretter gebracht.

Die bestplatzierte Mannschaft, die unbeirrt mit jeweils mindestens drei Österreichern antritt, ist Maria Saal. Die Kärntner Mannschaft wird angeführt vom einzigen Österreicher, der überhaupt noch an einem der vorderen Bretter eingesetzt wird, nämlich Markus Ragger, der übrigens nach neun Runden eine GM-Norm erzielt hat, wenn er in den nächsten zwei, drei oder allen vier ausstehenden Runden fünfzig Prozent holt. Am fünften und sechsten Brett sitzen weitere Eigengewächse (von denen Robert Kreisl eine IM-Norm erzielt hat). Auch die nächstplazierten Styria Graz und Mayrhofen haben stets mindestens drei Österreicher aufgestellt. Von den hinteren Mannschaften trifft das noch auf Klagenfurt und den designierten Absteiger Gleisdorf zu.

Von 504 Einsätzen in der Bundesliga während der ersten sieben Runden entfielen, wenn ich richtig gezählt habe, gerade noch 198 Einsätze auf Österreicher, also knapp unter vierzig Prozent und damit gut ein Viertel weniger als vor der Freigabe (in der deutschen Bundesliga, wo die Ausländerbeschränkung schon in den Neunzigern fiel, liegt die Einsatzquote der deutschen Spieler etwas höher).

Mag Semriach oder Baden nun Bundesligameister werden, so entscheidet sich die Österreichische Meisterschaft doch gewissermaßen zwischen Maria Saal, Graz und Mayrhofen - vorausgesetzt sie bleiben ihrer Linie treu.

PS am 14.März: Mayrhofen hat sich in der achten Runde durch den Einsatz von nur noch zwei Österreichern aus der inoffiziellen Meisterschaft verabschiedet, ebenso Klagenfurt. Graz würde ich in der Wertung lassen, da Davit Schengelia seit vier Jahren in Österreich lebt und wohl auch bald FIDE-Österreicher wird. Nach neun von elf Runden ist die Quote der österreichischenh Einsätze auf 247 von 648 bzw. 38 Prozent gefallen. In der neunten Runde waren von 72 eingesetzten Spielern nur noch 22 Österreicher an den Brettern, also 30 Prozent.

Mittwoch, 12. März 2008

Wem gehört eine Neuerung?

Topalows 12.Sxf7 gegen Kramnik wird wahrscheinlich als Neuerung des Jahres 2008 in die Annalen eingehen. Dabei war streng genommen erst der nächste Zug des Bulgaren (12...Kxf7 13.e5) eine Neuerung, weil das Springeropfer mit einer anderen Idee (12...Kxf7 13.f4) zuvor schon in zwei Fernpartien (hier mehr darüber), die Toppys Sekundant Tscheparinow bei seiner Analyse nach eigener Aussage nicht kannte, erprobt worden war.

Als Neuerung des Jahres 2007 gilt Gajewskis 10...d5. Der junge Pole gewann vorigen Juli folgende Glanzpartie:

Viktor Kusezow - Grzegorz Gajewski, Pardubice Open 2007
1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. O-O Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 d6 8. c3 O-O 9. h3 Sa5

Eine andere Gajewski-Spezialität lautet 9...Tb8!?

10. Lc2 d5!?

gajewski

Also nicht Tschigorins 10...c5 sondern Marshallmotive. Immerhin haben diesen Zug seitdem schon Carlsen, Leko und etwa ein Dutzend weiterer Großmeister erprobt.

11. exd5 e4 12. Sg5 Sxd5 13. Sxe4 f5 14. Sg3 f4 15. Se4 f3 16. d4 fxg2 17. Sg3 Dd6 18. Le4 Lb7 19. Sf5 Txf5 20. Lxf5 Tf8 21. Te6 Txf5 22. Txd6 Lxd6 23. a4 Lg3 24. f3 Lf4 25. axb5 Lxc1 26. Txa5 Sf4 27. De1 Lxf3 28. bxa6 Sxh3+ 29. Kh2 Lf4+ 30. Kxh3 g1S+ 31. Dxg1 Txa5 0-1

Im aktuellen SOS-Band 8 findet sich ein Kapitel darüber, obwohl Varianten, die später als im sechsten oder siebten Zug einsetzen, eigentlich außerhalb des Fokus dieser Eröffnungsreihe liegen. Nun wirbt Chessbase für seine aktuelle Magazinausgabe mit einem frei zugänglichen Beitrag von Lars Schandorff über Gajewskis Neuerung, "mit der Schwarz tolle Erfolge erzielt". Gemach, gemach. In den etwa sechzig Partien in der Onlinedatenbank von Chessbase steht es, wenn ich richtig gezählt habe, plus eins für Weiß. Was ja aus schwarzer Sicht auch noch ganz passabel ist.

Außerdem zeigt die Datenbank, dass Gajewski gar nicht der erste ist, der 10...d5 gespielt hat, sondern ein gewisser Stephen Maltz, vermutlich Amerikaner, tat es bereits 1995 und gewann eine ordentliche Partie - allerdings nicht mit der richtigen Idee, auf 11.exd5 e4 zu erwidern. Dann verzeichnet die Datenbank noch eine Partie Herrera-Hernandez aus dem Jahr 2000, in der aber wohl nur auf die Schnelle 8...d5 statt 8...d6 eingetippt wurde, und die Schlamperei bei diesem vermutlich abgesprochenen 12zügigen Remis zunächst niemand auffiel. Auch ein gewisser Ed Johnson hat um diese Zeit einmal 10...d5 gespielt, aber reiner Zufallstreffer und wie der weitere Verlauf zeigt ohne Sinn und Verstand.

Gajewski gebührt also durchaus die Ehre. Nur vermute ich, dass die Neuerung von 2007 nicht etwa zuhause akribisch vorbereitet war wie Topalows bzw. Tscheparinows 12.Sxf7. Dazu war die Partie in der dritten Runde eines Opens gegen einen nominell klar schwächeren Gegner nicht wichtig genug. Eine wichtige Neuerung hätte er beispielsweise für die Polnische Meisterschaft reserviert. Ich vermute vielmehr, dass der begabte Pole, weil ihm die normalen Tschigorinabspiele zu remisverdächtig erschienen, am Brett improvisiert oder allenfalls eine nur oberflächlich betrachteten Einfall aufgegriffen hat. Weiß jemand mehr darüber?

Nachtrag am 22.März:
Bartosz Socko berichtet, dass Gajewski 10...d5 zwar vorbereitet habe, aber eigentlich nicht so ganz von dem Zug überzeugt ist. In der Partie gegen Kusezow soll er zwischenzeitlich schlecht gestanden sein. Sein 9...Tb8 findet Gajewski selbst stärker und tiefsinniger.

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