Mittwoch, 8. Oktober 2008

Ein Großmeister fürs Weiße Haus

Ken Rogoff war nicht der einzige Finanzexperte, der den aktuellen Crash vorhergesehen hat, aber einer der angesehensten. Der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds ist auch Großmeister, hat seine letzte Turnierpartie aber bereits 1980 gespielt. Nun gehört er zum Beraterteam von John McCain und wird im Fall von dessen (derzeit nicht so wahrscheinlich geltenden) Wahlsieg wohl als politischer Beamter für das Weiße Haus arbeiten, schreibt der stets gut informierte Dylan Loeb McClain.

Montag, 6. Oktober 2008

Verdammt, ich bin doch der Experte

Vorige Saison habe ich noch zwölf Bundesligapartien für Kreuzberg bestritten, und nur einen einzigen Kampf davon, den letzten, haben wir nicht verloren. Nun bin ich nicht mehr dabei, und prompt setzte Kreuzberg zum Saisonauftakt durch einen Sieg gegen Emsdetten und ein 4:4 gegen die starken Bremer die Zeichen auf Klassenerhalt.

Ich habe derweil in Österreich in der Zweiten Liga für die Badener Zweite gespielt und richtig böse draufgekriegt. Einen halben aus drei. Aus zwei aus der Eröffnung heraus besseren Stellungen nichts gemacht, und dem bin ich dritten Gegner geradewegs in die Vorbereitung gelaufen. Bis zum 19.Zug kannte Gabor Papp eine Vorläuferpartie und das auch noch in meiner Spezialität, der Aljechin-Verteidigung. Wer war hier noch gleich der Experte?

Gabor Papp (Lackenbach) - Stefan Löffler (Baden)

1.e4 Sf6 2.e5 Sd5 3.d4 d6 4.Sf3 dxe5 5.Sxe5 c6 6.Le2 Lf5 7.0-0 Sd7 8.Sf3 h6!?

Nachdem ich einmal gegen Lothar Vogt nach 8...e6 9.c4 Sb4 10.a3 Sc2 11.Ta2 kritisch stand (11...Sxd4? 12.Dxd4 Lxb1 13.Lg5 f6 14.Txb1 fxg5 15.Td1 ist praktisch +-) kam ich auf diesen Zug, der mir auch ein paar Mal gute Dienste erwies.

9.c4

Trotzdem. Will er remis?

9...Sb4 10.Sc3 Sc2 11.Tb1 Sb4

In Hoeksema - Löffler wurden nach 12.Ta1 Sc2 bald die Hände geschüttelt. Damals habe ich das folgende Qualitätsopfer als chancenreich vorgeschlagen - ein schaler Trost für die folgende Klatsche -, aber nicht genug daran geglaubt, dass es mir mal vorgesetzt wird, um es zu analysieren.

12.Le3! Lxb1 13.Dxb1 e6?

Das war quasi mein erster eigener Zug an diesem Tag und schon der vorentscheidende Fehler. 13...g6 muss versucht werden.

14.a3 Sa6 15.d5

Nun bemerkte ich, dass auf das geplante 15...Sc7 einfach 16.Td1 folgt. Ich kann weder die Öffnung der Stellung erlauben, weil dann die weißen Figuren über meinen König herfallen, noch den Läufer ohne Materialverlust entwickeln - also notgedrungen:

15...e5 16.Td1 c5

Nach 16...cxd5 17.Txd5! Sc7 18.Td1 De7 19.De4 sieht es böse auf für Schwarz.

17.d6 g6

Nun erwartete ich 18.De4, worauf ich mit 18...Lg7 19.Dxb7 Dc8 kämpfen wollte, wobei Weiß schon mehr als genug für die Qualität hätte. Doch Papp zog a tempo

18.b4

denn er folgte noch immer einer Partie, der er zufällig vor einem Jahr in Ungarn bei einem kleinen Rundenturnier beigewohnt hatte: Der Australier Smerdon war Weiß gegen den Rumänen Grünberg.

18...f5 19.bxc5 e4

Mit der Idee 20.Sxe4 Lg7 und es wird unklar. Erheblich pittoresker verlor mein Vorgänger: 19...Dc8 20.Sh4! (das hatte ich gesehen) 20...Kf7 21.Sxg6! (viel stärker als das von mir gesehene 21.Sxf5) 21...Kxg6 22.Bh5+! Kf6 23.Sd5+ Ke6 24.Lg4! 1-0

20.Dxb7! Lg7 21.c6

Hier hätte ich guten Gewissens aufgeben können. Stattdessen folgte noch

21...0-0 22.cxd7 f4?! 23.Sxe4 fxe3 24.Dxa6 exf2+ 25.Sxf2 1-0

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Restposten minimieren

So nennt es die Dresdner Oberbürgermeisterin Helga Orosz im Chessbase-Interview also, wenn in den letzten Wochen vor der Schacholympiade von dem einen oder anderen Unternehmen noch vier- bis fünfstellige Beträge eingenommen werden, die den Zuschuss der Stadt reduzieren. Dieser wird gerne kleingeredet, beträgt aber leider deutlich über zwei Millionen Euro, wenn man die städtischen Unternehmen mitrechnet. Samt der Zuschüsse vom Bund und vom Land Sachsen ist der Steuerzahler mit mehr als drei Millionen dabei. Aber das will der im Auftrag von Deutschem Schachbund und der Schacholympiade selbst wirbelnde Dagobert Kohlmeyer lieber gar nicht so genau wissen.

Lustig, dass er zwar unvermeidlich Wolfgang Uhlmann ins Spiel bringt, der derzeit stärkste Dresdner Spieler, der auf einem Foto neben OB Orosz am Schachbrett zu sehen, ist, nicht einmal in einer Bildunterzeile identifiziert wird. Hat Jens-Uwe Maiwald etwa in seinen lesenswerten Beiträgen in "Schach" zu viel Kritik an der Dresdner Schachorganisation geleistet?

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Starke Liga, starker Auftritt?

Am Freitag beginnt die Saison der deutschen Schachbundesliga (hier ein Vorbericht) an den Spielorten Hamburg, Bremen, Solingen und Trier. Der Titelkampf sollte dank Werder und Mülheim etwas spannender verlaufen als in den letzten zwei Jahren, als Baden-Baden unangefochten blieb. Am anderen Ende der Hackordnung gilt es heuer wohl nur, neben Dresden und Bayern einen dritten Absteiger zu ermitteln - der vierte wird Tegernsee, das seinen Rückzug bereits angekündigt hat.

Die Mittelklasseteams haben weiter aufgerüstet. Wenn alle in Bestbesetzung antreten, weist der gemittelte Bundesligaspieler etwa 2580 Elo auf und hat in fast drei Viertel der Fälle keinen deutschen Pass (ohne die designierten Absteiger Dresden und Bayern sogar in achtzig Prozent). Womit denn auch zumindest zum guten Teil die Frage beantwortet ist, warum ich, nachdem ich seit 1986 die meisten Jahre (nämlich für Karlsruhe, Kreuzberg, Zehlendorf und Hamburg) dabei war, meinen Abschied genommen habe. Schließlich bin ich seit Jahren für eine Klausel eingetreten, dass mindestens die Hälfte der eingesetzten Spieler in Deutschland ihren Lebensmittelpunkt haben sollen (die Staatsangehörigkeit scheint mir da ein veraltetes Konzept).

Die Liga hat sich nach Jahren des relativen Stillstands zwei wichtige Reformen verordnet. Endlich wird, wie schon bei den meisten internationalen Wettbewerben üblich, mit einer modernen Bedenkzeit mit Zeitbonus nach jedem Zug gespielt. Zu einer Bannung früher Remisschlüsse hat sich die Liga leider (noch?) nicht entschließen können. Dafür aber werden von nun an nicht nur einzelne sondern sämtliche Kämpfe im Internet übertragen. Gut, das machen andere zum Teil seit Jahren, in Österreich etwa liegt die Übertragung schon gut ein Jahrzehnt in den zuverlässigen Händen von Siegfried Posch und Karl Theny. Nachdem ich einige Zeit selbst für den Webauftritt der deutschen Liga verantwortlich war und stets betont habe, dass Übertragungen nicht alles sind sondern die Onlinezuschauer auch Hintergrund haben wollen, bin ich besonders gespannt, wie die Übertragungen mit Bildern, O-Tönen und Analysen von den Spielorten aufgefettet werden. Alles Gute dabei!

Dienstag, 30. September 2008

Danke, Sponsor

Der Spiegel hat die journalistische WM-Berichterstattung mit einem gelungenen Anand-Interview eröffnet (in dem der Inder auch über seine Vorbereitung plaudert, ohne etwas zu verraten). Der erste PR-Text zur WM in einem seriösen Medium ist bereits vorigen Donnerstag erschienen: In der Schachspalte der ZEIT macht Helmut Pfleger nicht nur unverhohlen Werbung für das Event, dessen Mitarbeiter er ist, sondern schafft es auch, gleich zweimal den deutschen WM-Sponsor zu erwähnen. Schließlich wird er als Kommentator in Bonn ja auch mit dessen Geld honoriert werden.

Samstag, 27. September 2008

Am Anfang war der Schweinehund

Besonders tief gehen die Porträts der Nationalspieler, die der Deutsche Schachbund auf seiner Website präsentiert, nicht. Und wie auch? Da muss der rührige Webmaster Frank Hoppe selbst ran, der die meisten der Spieler und Spielerinnen nie persönlich kennengelernt hat und sich sein Material aus dem Netz zusammenklauben muss. Bis zum Start der Schacholympiade sind noch zehn solcher Stücke zu schaffen. Oh je.

Die jüngste Lieferung ist Niclas Huschenbeth vom Jugendnationalteam gewidmet. Man erfährt zwar, dass der 16-jährige Hamburger schon eine ganze Reihe von Zweikämpfen absolviert hat, aber nicht, wie es dazu gekommen ist. Das weiß ich auch nicht, aber dafür, warum er dem Schach verfallen konnte. Sein Vater Stefan ist ein renommierter Grafiker und hat vor etwa zehn Jahren für Chessbase Animationen für "Schach dem Schweinehund" (ein Spaßprogramm, das aber durchaus nicht schwach war) gestaltet und war später noch einmal bei Fritz beteiligt. Ehrensache also, dass Niclas Schach lernte und der Vater wusste, wie man das Interesse fördern konnte. Später war dann Wolfgang Pajeken als Trainer entscheidend an Niclas´ Vorankommen beteiligt. In dem sehr schönen Chessbase-Fotobericht über die kürzliche Hamburger Schachnacht sind übrigens Fotos von Niclas (der mit dem weißen Sweater beim Simultanspiel), seinem Vater und seinem kleineren Bruder.

Donnerstag, 25. September 2008

Und keiner schaut nach Polen

Auch die bereits vergangene Woche beendete polnische Mannschaftsmeisterschaft wurde international übersehen. Der haushohe Favorit Polonia (mit Krasenkow, Socko, Macieja, Rosentalis) musste mit dem Vizemeistertitel vorlieb nehmen aufgrund zweier Niederlagen, darunter gegen den neuen Meister Szopienice, ein Stadtteil von Kattowitz (mit Navara, Miton, Brobas). Kurioserweise hatten beide Teams in der ersten Runde gegen hohe Außenseiter verloren (Turnierergebnisseite). Ein international bisher nicht aufgefallener 20-Jähriger namens Marcin Tazbir schlug Navara und holte ebenso eine GM-Norm wie Zbigniew Pakleza, 22 Jahre alt. Partien zum online nachspielen oder als PGN-Download.

Rekordverein

Weitgehend unbemerkt von der internationalen Schachöffentlichkeit hat die Zürcher Schachgesellschaft am vorigen Wochenende zum 22.Mal die Schweizer Mannschaftsmeisterschaft deutlich gewonnen. Das Team um Pelletier und Kortschnoi vertritt den ältesten noch bestehenden Verein der Welt, der nun als amtierender Meister standesgemäß in das 200. Jahr seines Bestehens 2009 gehen kann. Beste Spieler der Nationalliga A waren übrigens Pelletier und Jussupow. Hübner holte fünfzig Prozent.

Mittwoch, 24. September 2008

Russlands Herausforderer heißt China

(Überarbeitete Version, eine frühere enthielt mehrere Fehler, die Überarbeitung leider auch, sorry:)

Ich lege mich fest: China holt in Dresden Medaillen bei Damen und Herren. Wang, Bu und Ni traue ich zu, dass sie Russland (mit einem von der WM erschöpften Kramnik und einem formschwachen Swidler) bei der Schacholympiade sogar Gold streitig machen. Chinas Herrenauswahl schneidet bei Mannschaftswettbewerben fast immer über ihrer Eloerwartung ab. In Ningbo, einer boomenden Zwei-Millionen-Stadt am Chinesischen Meer, hat sie gerade ein Match gegen Russland (Chessvibes hat einen Fotobericht) an fünf Brettern bestritten. Bei den langen Partien hatten Chinas Herren mit 14,5:10,5 (Partie-Download in PGN) die Nase vorn. Allerdings hat Russland mit Jakowenko nur einen Auswahlspieler in den Scheveninger-System-Vergleich geschickt. Anschließend wurden doppelrundig Scheveninger Schnellschach gespielt, und da gelang den Russen mit 28:22 eine Revanche, die sportlich freilich weniger wiegt.

An den fünf Frauenbrettern hat Russland übrigens 13,5:11,5 gewonnen, während das Schnellschachmatch unentschieden endete. Einen Überblick über frühere Vergleiche zwischen China und Russland, den USA oder Frankreich findet man bei Wikipedia.

Nebenbei bemerkt hatte der Deutsche Schachbund China zu einem ähnlichen Match eingeladen, aber die Chinesen wollten, nicht zuletzt wegen der anstrengenden Anreise, am liebsten kurz vor der Olympiade spielen, woran die Sache scheiterte. Es wäre für Deutschland aber wohl auch ein ziemlich desillusionierender Vergleich geworden.

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