Mittwoch, 30. April 2008

Broterwerb in Plowdiw

Plowdiw ist nicht der schlechteste Ort, um die dritte Ausgabe von Matten zu lesen. Zu den Highlights der halbjährlich auf Niederländisch erscheinende literarische Schachzeitschrift zählt neben einer Recherche über Max Euwes Kriegsjahre und dem Tagebuch, das Loek van Wely als Sekundant Kramniks während der WM in Mexiko City führte, ein fantastisches Stück von Dirk Poldauf. „Bulgarische Abenteuer eines DDR-Bürgers“ beschreibt die Schachreisen, die er Ende der Achtzigerjahre nach Warna, Primorsko und eben Plowdiw unternahm. 1987 unterlag Poldauf einem Zwölfjährigen namens Wesselin Topalow, im Jahr darauf schlug er mit Mühe die achtjährige Antoaneta Stefanowa, um sich einige Monate später einem gerade zwölf gewordenen Mädchen geschlagen geben zu müssen, Judit Polgar.

Der heutige Redakteur der Zeitschrift Schach erinnert sich, wie arm er sich an der auch von „Bundis“, also Westdeutschen frequentierten Schwarzmeerküste vorkam, wo alles dreimal so teuer war wie in der DDR. Mit mitgebrachten Garde-Uhren und beim Blitzschach wurde mühsam die Reisekasse aufgebessert. Notfalls wurde die mitgebrachte HO-Salami eben in noch dünnere Scheiben geschnitten, damit sie ein paar Tage länger reicht. An einem Abend in Plowdiw wussten er und seine Reisekameraden Karsten Volke und Hans-Jürgen Meissner allerdings keinen anderen Weg mehr, an etwas Beißbares zu kommen, als im Novotel, dem gleichen Hotel, in dem nun die EM läuft, einen Spaziergang durch den schon gedeckten Speisesaal zu unternehmen und belegte Brote in eine mitgebrachte Aktentasche zu packen.

Dabei hätten es sich die DDR-Schachspieler leicht machen können, hätten sie sich an dem üblichen Punktehandel beteiligt. Selbst für Remisen wurden Dollar oder Lewa angeboten. Anscheinend lief kein Einladungsturnier ohne Schiebereien ab. Auf einem Turnier, das offensichtlich keinen anderen Zweck erfüllte, als dem aus Jugoslawien stammenden Schweizer Geschäftsmann Miroslav Desancic zum IM-Titel zu verhelfen tat sich Poldauf mit einem Schweizer, einem Schweden und einem Franzosen zu den Unkorrumpierbaren zusammen. Poldauf schämt sich, dass es ihm als einzigem aus der Gruppe nicht gelang, Desancic zu schlagen. In der letzten Runde wartete auf diesen allerdings ohnehin ein (von Poldauf nicht genannter) Deutscher, der mit Desancic in der Schweiz zusammen spielte und ihm notfalls den fehlenden Punkt zu überlassen angekündigt hatte.

Das erinnert mich an ein IM-Turnier, das ich selber 1989 im tschechischen Hradec Kralove spielte. Ein nach Italien ausgewanderter Russe namens David Zilberstein lag auf IM-Kurs. Alle außer mir hatten mitgekriegt, dass Palatnik und Jefimow ihm jeweils den ganzen Punkt geschenkt hatten, und so mancher hoffte, dass ich Zilberstein, der in der letzten Runde ein Remis gegen mich brauchte, die Sache verderben würde. Dabei hätte mich schon stutzig machen müssen, dass mir Jefimow im Jahr davor, als ich in Warschau ein Weißremis für meine erste IM-Norm brauchte, einen Mittelsmann schickte, der mir den halben Punkt für fünfzig Dollar anbot. Damals hatte ich abgelehnt, aber Zilbersteins Remisgebot nahm ich, weil es für mich um nichts mehr ging und ich Schwarz hatte, an. Erst danach klärten mich meine Mitspieler auf. Jahre später entdeckte ich, dass Zilberstein mit 2500 in der italienischen Eloliste ganz vorne lag und auch Jefimow den Verband gewechselt hatte und zwischenzeitlich selbst für Italien gemeldet war.

Nun sehe ich Jefimow in Plowdiw wieder. Inzwischen startet er für Monaco. Warum? Weil er eben die Föderation noch einmal gewechselt hat, sagt er mir am Cafétresen. Darauf habe ich ihn gefragt, was aus Zilberstein, der seit vielen Jahren keine gewertete Partie mehr gespielt hat, geworden sei. Der sei tot. In der FIDE-Liste steht er noch immer.

Dienstag, 29. April 2008

Matter Kunde

Toppy kommt mal wieder in die Heimat. Zuerst auf den Fernsehschirmen. In einem Werbespot (den ich bei Chessvibes entdeckt habe) für die Societé Generale-Tochter Expressbank nimmt er in einer Bankfiliale gegenüber einer gutaussehenden jungen Frau Platz und fragt sie nach Anlagemöglichkeiten. Mit einigen Dingen, die anscheinend so auf einem Bankschreibtisch herumliegen, liefern sich die beiden daraufhin einen kurzen, an Schach erinnernden Schlagabtausch, bis Toppy durch Umlegen eines dieser Gegenstände kapituliert. Dass mattgesetzt wird, wer auf die Anlagetipps seiner Bank hört, soll dabei vermutlich gar nicht die Botschaft sein. Der Spot ist so gaga, dass er schon wieder lustig ist. Unser Ex ist nicht der einzige Promi der Kampagne, in der etwa auch die Popsängerin Maria Ilieva (ihre MySpace-Seite) aufscheint.

Ab 8.Mai spielt Toppy dann wieder sein Heimturnier, das MTel Masters in Sofia. Warum die Mobilfunktochter der Telekom Austria in Bulgarien genug Geld für Schach übrig hat, ist mir übrigens gerade klar geworden. Ich habe mir während meines Bulgarienaufenthalts für mein Handy eine SIM-Karte besorgt mit 2,50 Euro Guthaben. Nach einer Minute nach Österreich telefonieren war es aufgebraucht.

Sonntag, 27. April 2008

Sorry, Fräulein Nielsen

Ob ich denn hinter dem Mond lebe, musste ich mich fragen lassen, nachdem ich vor einigen Tagen hier über die Mainzer Einladungspolitik philosophiert habe. Ein ganz dicker Fehler sei mir da nämlich unterlaufen, für den ich hier bußfertigst Abbitte leiste. Die von mir der Einfachkeit halber als Frau Schirow bezeichnete Viktoria Cmylite sei längst nicht mehr mit diesem großen Blonden zusammen, wurde ich korrigiert, sondern die große Blonde hat nun einen noch Größeren Blonden (okay, okay, er ist nicht blond), nämlich Peter Heine Nielsen.

Samstag, 26. April 2008

Wer will noch Bundesliga spielen?

Kaum hatte ich hier mein persönliches Goodbye Bundesliga veröffentlicht, folgte mir Bindlach mit der Rückzugserklärung. Von den Spielern hat es anscheinend keiner kommen sehen. Falko Bindrich sagte mir, der Mannschaftsführer und der Vereinsvorsitzende hätten sich am letzten Tag der Saison noch sehr zufrieden mit dem erreichten vierten Platz gezeigt (diese und weitere Stimmen zum Rückzug hier). Im Gegensatz zum nun auf Vereinssuche befindlichen Juniorennationalspieler schätze ich, dass in der Pressemitteilung nur die halbe Wahrheit steht und dem Sponsor der Ertrag zu gering und der finanzielle Einsatz auf Dauer zu hoch war.

Nun geht das Spielrecht traditionell an den ersten Absteiger. Doch der Godesberger SK hat nach kurzer Bedenkzeit bereits verzichtet. Nun ist Erfurt dran. Die Thüringer haben bekannterweise Bedenken, weil ab der neuen Saison das Spielrecht mit der Mitgliedschaft im von ihnen abgelehnten Bundesliga e.V. verknüpft ist. Sollten auch sie verzichten, wäre Zehlendorf dran. Doch bei den Berlinern war in der zu Ende gegangenen Saison schon das Geld knapp. In der letzten Runde wurde nicht einmal Ersatz für einen erkrankten Spieler gefunden. Sollte tatsächlich bis zum Letzten durchgefragt werden, wäre Kreuzberg wohl bereit, ließe sich damit doch zugleich der Zwangsabstieg der zuletzt gut spielenden und in der Zweiten Liga Nord bis zum letzten Spieltag führenden Zweiten abwenden.

Es hat sich, ich glaube vor sieben Jahren, schon einmal ergeben, dass ein Tabellenletzter in der Liga blieb, weil alle Vorplatzierten verzichteten. Nachdem die damals zu null abgestiegenen Stuttgarter SF in der Liga blieben, setzte sich in der Liga die Meinung durch, Rückzüge sollen nicht den sportlich ermittelten Absteigern zugute kommen, sondern aufstiegswilligen Zweiten der Zweiten Ligen. Doch bisher blieb es dabei, dass die Absteiger gefragt werden.

Zumindest einer zweitplatzierten Mannschaft stand anscheinend ohnehin nicht der Sinn nach einem weiteren Bundesligaabenteuer. König Tegel hätte mit einem hohen Sieg gegen die nicht mehr vollständig antretenden Lübecker die Zweite Liga Nord gewinnen können. Doch statt auf Biegen und Brechen zu kämpfen, gab es Remis an fast allen Brettern und einen viel zu niedrig ausgefallenen Sieg, der nur im Falle eines nicht sehr wahrscheinlichen 4:4 zwischen Kreuzberg II und SF Berlin reichen konnte.

Für die nächste Saison deutet sich nach dem mörderischen Abstiegskampf der zu Ende gegangenen Saison eine gewisse Entspannung hin: Südaufsteiger Bayern München will weitgehend den siegreichen eigenen Spielern Gelegenheit geben. Dresden ist wohl auch nicht bereit, mindestens die halbe Mannschaft auszuwechseln, um ernsthafte Chancen auf den Klassenerhalt zu haben. Den SF Berlin fehlen schlicht die Mittel für größere Verstärkungen, aber dank ihrer Substanz und Erfahrung haben Polzin und Co ohnehin Chancen. Ob Emsdetten den größeren Etat überhaupt auftreiben kann, muss sich erst noch weisen. Trier und vielleicht auch Remagen wird man kommende Saison wieder im Kampf um den Klassenerhalt sehen und natürlich wer auch immer das Bindlacher Spielrecht übernimmt.

Nachtrag: Kreuzberg hat seiner Ersten mittlerweile den Klassenerhalt am grünen Tisch sichern und damit seiner Zweiten den Abstieg am grünen Tisch vermeiden können. Emsdetten überlegt, auf den Aufstieg zu verzichten. Der zweitplatzierte Bochum soll bereits abgewinkt haben, dann wäre Porz dran, berichtet Rainer Polzin am Ende seines Artikels über den Wiederaufstieg der SF.

Freitag, 25. April 2008

Mäusezahl

1996 oder 1997 habe ich Sergei Movsesian im Berliner Tagesspiegel porträtiert. Die Neuköllner, denen der kurz zuvor aus Georgien nach Tschechien übersiedelte Armenier damals in der Zweiten Liga beim Aufsteigen half, bezeichneten ihn intern als Mäusezahn. Doch ich verstand die Verballhornung nicht und hörte Mäusezahl. Was viel besser in mein Stück passte, denn Sergei machte damals einen schönen Sprung von einer Mäuseelo um 2500 auf für einen Jugendspieler damals beachtliche 2600. Wir dachten, dass es nur eine Frage von drei, vier Jahren war, bis er auch die 2700 knackte. Stattdessen ging es irgendwann nicht mehr weiter für den polyglotten Wahlslowaken (er spricht Armenisch, Georgisch, Russisch, Deutsch, Englisch, Tschechisch, Serbokroatisch und ziemlich sicher ist diese Liste unvollständig) der er nach einem Streit mit dem tschechischen Verband wurde.

Sergei hat eine tschechische Schachspielerin geheiratet, ist inzwischen dreifacher Vater, hat kürzlich ein Haus gebaut. Schach war in letzter Zeit noch sein Beruf, aber nicht mehr Priorität. Doch ausgerechnet jetzt läuft es am Brett fantastisch für ihn. Als Ersatzspieler wurde er für die B-Gruppe in Wijk aan Zee nachnominiert, und obwohl ihm praktisch keine Zeit zur Vorbereitung blieb, gewann er sie. Seine April-Elo liegt bereits bei 2695, und von der tschechischen Extraliga hat er neun Punkte, von der russischen Mannschaftsmeisterschaft elf Punkte gut. Bei der EM ist er mit drei Siegen gestartet. In der vierten Runde hat er die Eröffnung vergurkt und stand nach eigenen Worten „sechzig Züge lang auf Verlust“, aber auch das hat er, wie so oft, gehalten. Die fünfte hat er dann wieder gewonnen und liegt damit auf Platz zwei.

Neben Zähigkeit gehört auch ein ausgezeichnetes Gespür für ungewöhnliche Stellungen zu Sergeis Stärken. Mäusezahn ist endlich auf dem Weg zur Riesenzahl.

Pulver verschossen

In der dritten Runde der EM fand ich gegen einen jungen russischen Großmeister anscheinend eine nette Neuerung am Brett. Leider war mein Pulver damit auch schon verschossen und später habe ich wenig kapiert.

Stefan Löffler – Jewgeni Romanow

1.c4 e5 2.g3 Sf6 3.Lg2
Die Entwicklung des Damenspringers verschiebt man, um nicht Lb4 zuzulassen.

3…c6 4.Sf3
Auch 4.d4 exd4 5.Dxd4 d5 kommt in Frage, doch einen Isolani nimmt Romanow, der häufig Tarrasch spielt, gerne in Kauf.

4…e4 5.Sd4 d5 6.cxd5 cxd5
Eine Kurzanalyse mit Meister Schroll fand folgenden absurde Abschluss: 6...Db6 7.Sb3 (7.Sc2) 7...a5 8.d3 Sg4 9.0–0 (9.e3) 9...a4 10.S3d2 Sxf2 11.Sc4 Sh3+ 12.Kh1 Dg1+ 13.Txg1 Sf2#

7.d3 Db6 8.dxe4!
In der Datenbank habe ich nur Springerrückzüge nach c2 und b3 entdeckt. Sollte das Schlagen wirklich eine Neuerung sein? Wenn ja, ist es eine Gute. Die Pointe lautet 8...Lb4+ 9.Sc3 Sxe4 10.0-0! Sxc3 (oder 10...Lxc3 11.bxc3 Sxc3 12.Dc2 Dxd4 13.Lb2) 11.bxc3 Lxc3 12.Dc2! Dxd4 13.Lb2 Lxb2? (13...0-0 14.Lxc3 mit Kompensation) 14.Dxc8+ Ke7 15.Dxh8 Lxa1 16.Dc8! Db2 17.Lxd5 und Weiß gewinnt. Leider kam es anders.

8...Lc5 9.e3 dxe4 10.Sc3 Sc6 11.Sa4 Lb4+ 12.Ld2 Da5 13.Sxc6
Ehrgeizig. Für einen minimalen Endspielvorteil ist 13.Lxb4 Dxb4+ 14.Sc3 Dxb2 (14...Lg4 15.Sxc6 bxc6 16.Dc2 Tb8 17.0–0 Dxb2 18.Dxb2 Txb2 19.Tfb1) 15.Sdb5 Lg4 16.Tb1 Dxc3+ 17.Sxc3 Lxd1 18.Txd1 Ke7 19.Sxe4 Sxe4 20.Lxe4 Tac8 21.Ke2 gut.

13...bxc6 14.Sc3 Lg4

Romanow

Leider traute ich hier 15.Dc2 nicht. Nach 15...Lf3 16.0–0 0–0 17.a3 Lxc3 18.Lxc3 Dg5 19.Tac1 hat Weiß etwas Vorteil, und nach 15...Da6 16.Lf1! (16.Lxe4 Td8 17.h3 Le6 18.Lf3 0–0 19.Le2 Lc4 20.Lxc4 Dxc4 gibt Schwarz Kompensation für den Bauern) 16...Db7 17.Sxe4 (17...Lf3 18.Sxf6+ gxf6 19.Tg1 hält Weiß aus) 17...Lxd2+ 18.Sxd2 c5 19.Tg1 Td8 20.Da4+ Ld7 21.Db3 hat Schwarz nicht genug für den Bauern.

15.Da4? Dxa4 16.Sxa4 Lxd2+ 17.Kxd2 0–0–0+
Diesen Türme verbindenden Zug hatte ich nicht auf der Rechnung. Nun hat Schwarz die Initiative.

18.Kc2 Td6 19.h3 Le2 20.The1 Ld3+ 21.Kb3 Kc7 22.Sc5?
Zu optimistisch. Nach 22.Tac1 Tb8+ 23.Ka3 ist die Stellung noch etwa im Gleichgewicht.

22...Tb8+ 23.Ka3 Td5 24.Tac1 Kd6
Das geplante 25.Sxd3 scheitert nun an 25...Ta5 matt. 24...Sd7 sieht ebenfalls verlockend aus, doch nach 25.b4 a5 26.Sxe4 spielt Weiß wieder mit. Stark wäre allerdings auch 24...Tb5 gewesen, denn nach 25.Sxd3 Txd3+ 26.Tc3 Td2 27.Tec1 Tbxb2 28.Txc6+ Kd7 29.Tc7+ Ke6 30.T1c6 Ke5 sitzt Schwarz am längeren Hebel.

25.Sa4 Sd7 26.Ted1 f5 27.f3 Se5 28.fxe4 fxe4 29.b3
Nun hoffte ich auf 29…Sd3? 30.Txc6+! Kxc6 31.Lxe4. Vergeblich.

29…Le2! 30.Td4
Danach entscheidet der freie e-Bauer die Partie. Doch auch andere Züge sind nicht besser, z.B. 30.Te1 Lf3 31.Lf1 Sd3 oder 30.Txd5+ cxd5 31.Sc3 Sd3! 32.Sxe2 Sxc1 33.Sxc1 Tf8 34.Se2 Tf2 35.Sf4 g5 bzw. 34.h4 Tf2 35.Lh3 Tc2.

30...Txd4 31.exd4 Sd3 32.Tc3 Te8 33.Sc5 Sxc5 34.Txc5 Lb5 35.Tc1
Oder 35.Kb4 e3 36.Tc1 e2 37.Te1 Te3.

35...Kd5 36.Kb4 Kxd4 37.a4 Ld3 38.Txc6 Te7 39.Tc8 Ke3 40.Tf8 Kd2 41.Tf2+ Ke1 42.Ta2 e3 43.Kc3 La6 0-1

Donnerstag, 24. April 2008

Moros Neue

Hans-Walter Schmitt hat bekannt gegeben, wer und wie Ende Juli, Anfang August in Mainz spielen wird. Leicht war es nicht, ein prominentes Feld zusammenzustellen, überschneidet sich das Turnier doch mit dem erst kürzlich terminierten zweiten FIDE-Grandprixturnier in Sotschi, weshalb etwa Lewon Aronjan seinen Mainzer Titel im auch als Chess960 bezeichneten Fischerschach heuer nicht verteidigen kann.

Es kommt also zu einem gemischtgeschlechtlichen Vierkampf im herkömmlichen Schnellschach mit Anand, Carlsen, Polgar und Morosewitsch. Daneben gibt es auch einen Frauenvierkampf im Fischerschach. Schukowa (alias Fräulein Grischtschuk), Cmylite (alias Frau Schirow Fräulein Nielsen) und Kostenjuk sind aus den letzten Jahren dafür qualifiziert. Der freie Platz ist nicht, wie zumindest ihr zufolge ihr versprochen, an Lieschen Pähtz gegangen sondern an Katerina Lachno.

Das stärkste Argument für die junge Ukrainerin ist wohl ihr derzeitiger Lover, Mister Morosewitsch. Jedenfalls liegt die Vermutung auf der Hand, dass dieser seine Teilnahme an die seiner kleinen Freundin geknüpft hat. Dass Fräulein Morosewitsch in den verbleibenden drei Monaten noch genug Englisch lernt, um in Mainz Journalistenfragen beantworten zu können, darf bezweifelt werden. Aber wenn sie darin ihrem Liebsten folgt, gibt sie ja eh keine Interviews.

Nachtrag 2.Mai: Lachno hat die EM gewonnen und damit ein starkes sportliches Argument nachgelegt.

Mittwoch, 23. April 2008

Saufen in Sotschi

Nicht nur der SC Kreuzberg ist tief gefallen. Auch der Stern von Tomsk 400 strahlte schon heller als beim neunten Platz in der diesjährigen russischen Meisterschaft. Das sibirisch finanzierte Team war noch voriges Jahr Meister und immerhin schon zweimal Europacupsieger. Es wurde berichtet (und ich habe das in einer Kolumne für den Tages-Anzeiger übernommen), das Team sei nach dem spielfreien Tag mit einer Buße belegt worden wegen „Bruch der sportlichen Disziplin“, die übliche Umschreibung für ein Besäufnis. Tatsächlich sind einige der Tomsker Spieler aber des Saufens ziemlich unverdächtig.

Nun höre ich, dass in dieser Beziehung in Sotschi eher andere auffielen. Alexandrow und seine Kumpane wurden schon zur ersten Runde in angeschickertem Zustand gesehen. Dass sich Grischtschuk und Chismatullin vor Turnierbeginn kahl scheren ließen, soll nicht ohne Alkohol abgegangen sein. Drejew begann in volltrunkenem Zustand eine Schlägerei mit dem Lover einer Exfreundin und wurde in Polizeigewahrsam genommen. Und Chenkin zeigte sich von seiner sozialen Seite, als er in der letzten Nacht ein Bett für einen Mannschaftskameraden suchte, der seinen Rausch ausschlafen musste.

Dienstag, 22. April 2008

Hitziger Start

Montag früh um kurz vor eins bin ich in Plowdiw angekommen. Den Hinflug zur EM hatte ich schon vor Monaten gebucht, aber die Entscheidung, tatsächlich teilzunehmen, fiel erst kürzlich und eher halbherzig. In letzter Zeit hatte ich schon mehr als genug Schach um die Ohren.

Alles in allem macht die Organisation bisher einen guten Eindruck. Dafür dass Predrag Nikolic am Flughafen in Sofia fast zwei Stunden verhandeln musste, bis er mit seiner Daueraufenthaltserlaubnis der Niederlande dann doch ohne Visum (das bei der Ankunft nicht erhältlich ist) einreisen durfte, konnten die Veranstalter wohl nichts. Bei den Reservierungen für die offiziellen Hotels soll es einige Missverständnisse gegeben haben, aber mit den Betroffenen kann ich wenig Mitleid empfinden. Auf eigene Faust lassen sich in Plowdiw billigere und auch komfortablere Unterkünfte finden. Die Transfers vom Flughafen in Sofia (für freilich weit überteuerte 60 Euro – wenn drei sich ein Taxi teilen, ist es billiger, aber erklär das Spielern, dessen Verbände alles für sie buchen) wurden gut und zügig abgewickelt. Die erste Runde begann nahezu pünktlich. Im Turnierhotel gibt es W-LAN-Internetanschluss für alle, die einen eigenen Computer mitbringen. Und jeder Teilnehmer erhielt ein Täschchen mit T-Shirt, Plakat, Briefpapier und Kuli allesamt mit EM-Logo.

Die Klimatisierung im einen der beiden Spielsäle klappte zumindest am ersten Tag nicht, und im Laufe der Runde kletterte die Temperatur auf mehr als 25 Grad. Doch das war nicht die Ursache für meinen Fehlstart gegen einen knapp 2600 Elo starken polnischen Großmeister:

Robert Kempinski – Stefan Löffler

1.d4 d5 2.Sf3 c6 3.e3
Robert mag es nicht, im Slawischen den c-Bauern auch nur einen Moment ungedeckt zu lassen.

3...Lg4 4.h3 Lh5 5.c4 e6 6.Db3 Dc7 7.Sc3 Sbd7 8.Ld2 Sgf6 9.Tc1 Lxf3
Auf 9…Tc8 oder 9...Db6 war mir 10.Se5 unangenehm.

10.gxf3 Sb6 11.cxd5
Nach 11.c5 Sbd7 12.f4 b6 13.cxb6 axb6 steht Schwarz zumindest nicht schlechter.

11...exd5 12.e4 De7 13.e5 Sh5 14.Ld3 f6
Mit diesem Zug bot ich remis an. Gewöhnlich winsle ich nicht gegen Stärkere, aber es war die erste Runde, die Stellung ausgesprochen unklar und meinem Eindruck nach eher günstig für Schwarz. Ich zweifelte noch, ob ich auf 15.f4 mit 15...g6, 15...g5!? oder 15...fxe5 16.fxe5 Dh4 17.Se2 Le7 und 18...0-0 antworten sollte. Robert dachte fast zwanzig Minuten nach, bis er mit folgendem ausgezeichneten Zug ablehnte:

15.Kd1! fxe5
Hier war vielleicht noch Gelegenheit für die Notbremse 15...Db4.

16.Te1
Nun gefiel mir 16...Df7 17.Txe5 Le7 18.Lf5 nicht, weshalb ich mich zu einem Damenopfer entschied, ohne alle Konsequenzen zu beachten.

16...Dh4?

Kempinski

Ich berechnete noch auf 17.Txe5 Le7 das Opfer 18.Sxd5 Sxd5 19.Dxb7 0-0 20.Lc4 bzw. 20.Dxc6 und sagte mir, selbst wenn er die Figur zurück erhält, sollte ich dank der sichereren Königsstellung nicht schlechter stehen. Darauf, dass er 17.Sxd5!! auch sofort spielen kann, machte mich erst nächtens der Computer aufmerksam: Nach 17...Sxd5 18.Dxb7 als auch 17...exd5 18.Txe5+ Kf7 19.Txd5! ist es aus. Noch am ehesten geht 18...Le7, worauf Weiß mit 19.Lb4 oder 19.Tc7 die Figur mit anhaltender Initiative zurückholt. Aber:

17.Txe5+? Le7
Nach 17...Kf7 wäre 18.Sxd5! cxd5 19.Txd5 schon leichter zu finden, weil kein Damengewinn als Alternative lockt.

18.Lg5 Dxg5 19.Txg5 Lxg5 20.Tc2 Sf4 21.Lf1 0-0
Vielleicht ist 21...Se6!? 22.Te2 Kf7 stark, aber auf Komplikationen wollte ich mich nicht einlassen.

22.Se4 Se6 23.Sxg5 Sxg5 24.Le2 Tae8?
Dabei habe ich seinen 27.Zug nicht richtig gewürdigt. Nach 24...Sxh3 25.a4 Tab8 hätte ich genug für die Dame.

25.a4 Se6 26.Td2 Tf4 27.Db4
Das hatte ich wegen 27...c5 verworfen, aber 28.Db5 (übrigens geht auch 28.Da5) völlig übersehen. Das wäre immer noch das kleinere Übel gewesen als:

27...Tc8? 28.a5 c5 29.Da3 Sd7 30.dxc5 Sdxc5 31.b4 Sd7 32.Txd5
Beim Nachdenken, ob ich mit 32…Sdf8 noch irgendwie weiterkämpfen konnte oder mich nach 32...Sf6 33.De3! gleich ergeben sollte, überschritt ich die Zeit: 1-0

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