Sonntag, 29. November 2009

Scharfrichter statt Schiedsrichter

Beim Weltcup haben die Regelhüter des Weltchaosverbands einen neuen Tiefpunkt gesetzt (danke an Bauerndiplom für den Hinweis). Zwei Spieler, die zwischen den Schnellpartien eine Nikotindosis benötigten, Wang Yue und Li Chao, wurden genullt, als sie im Stechen den Start ihrer Weißpartien gegen Bacrot bzw. Gaschimow vierten Stichpartie verpassten beim Stand von jeweils 1,5:1,5 und dem relativen Vorteil der weißen Steine in der ausstehenden, im Nichtremisfall entscheidenden Partie verpassten. Nichts deutet im Moment darauf hin, dass von den Schiedsrichtern ein Missverständnis in Erwägung gezogen wurde (den Wang und Li sind des Englischen kaum und des Russischen vermutlich gar nicht mächtig) oder dass sie die in den Raucherbereich gegangenen Spieler informiert hatten. Wenn man schon keine Regeln mit Augenmaß hat, bräuchte man wenigstens Schiedsrichter, die es haben. Aber das Schiedsrichterideal im Weltchaosverband ist heute nicht das eines Geurt Gijssen sondern das eines Scharfrichters.

(Ergänzung:) Wang und Li waren laut ihrer Darstellung nicht draußen bei minus dreißig Grad sondern in einem Raucherraum, wo vermutlich keine Ansagen wie drei Minuten bzw. eine Minute bis Rundenbeginn zu hören sind und wo beide aus China eine digitale Anzeigetafel, die die Zeit bis zur Runde anzeigt, gewohnt sind. Als brave Chinesen haben sie keinen Protest eingelegt sondern die Anschaffung solcher Anzeigetafeln für künftige Turniere angeregt. Natürlich Made in China.

Freitag, 27. November 2009

Wasjas Depression

Nach seinem unglücklichen Ausscheiden gegen Wesley So beim Weltcup ließ Wassili Iwantschuk seiner Enttäuschung freien Lauf. Er ging so weit, dass Schach nicht mehr seine Lebensaufgabe sei und er sich neue Ziele setzen wolle. (In etwas besseres Englisch übertragene) Zitate aus seiner Pressekonferenz:
"The unlucky days started when I could not beat Vladimir Kramnik in the final round of the Tal Memorial. But I could. The real tragedy started then. I was so unlucky at the Moscow blitz, as I have never been unlucky in my life. I blundered all possible pieces: queen, rooks, and pawns. At that blitz tournament I was as if I was thrown out of a saddle. Plus I was losing. (...)
To my mind I should leave professional chess now. Chess becomes a hobby for me from now on. As for the signed contracts, yes, I will play in all tournaments where I have to. Perhaps I will even participate in a tournament before the New Year. I should win something! And that will be the end. No serious plans, no professional goals. (...) I am sure, from now on I should forget about any serious aims in chess. I don't need anything from chess anymore. I start a new life with new goals. Chess… I will become just a chess fan now. I will follow chess; will follow the games of my ex-colleagues. (...) Now chess is killing me. Chess is playing against me! Chess is destroying me! (...) Now I only feel that the world crashed down around me. Everyone is against me and I don't see the way out."

Ein Hilferuf. Dieser Mann braucht professionelle Unterstützung.

Montag, 23. November 2009

Blitz nicht mit dem Chinamann

Die Armenier aller Länder hatten beim Weltcup keinen guten Start. Movsesian hat es als ersten 2700er erwischt - gegen einen unbekannten Chinesen namens Yu Yangqi. Petrosjan hat es gegen Georg Meier erwischt. Im Tiebreak verloren dann Akobian und Sargissjan, der ebenfalls gegen einen Chinesen, Li Chao. Dass die Spieler aus dem Reich der Mitte im Schnellschach brandgefährlich sind, erlebte mit Sutovsky ein weiterer favorisierter Spieler gegen Zhou Weiqi. Yannick Pelletier weiß schon, warum er Bu Xiangqi schon vor dem Stechen erledigte. Arkadi Naiditsch hatte mit Hou Yifan, der neben Judit Polgar (ergänzt:) und Alexandra Kostenjuk einzigen weiblichen Teilnehmerin, auch seine liebe Mühe. Den einzigen deutschen Sieger des ersten Tages, Jan Gustafsson, hat es gegen Inarkijew leider doch erwischt. Die Ausgeschiedenen lockt ein Open, das am Dienstag beginnt. Gut eine Million Rubel beträgt das Preisgeld in der A-Gruppe, aber das hört sich besser an als die umgerechnet 23 000 Euro.

Hilfe, mein Sohn ist ein Schachfunktionär

Sorry, dieser Programmhinweis kommt zu spät. Auf RTL 2 lief heute noch vor dem Frühstücksfernsehen: "Hinterm Sofa an der Front, Folge 24: Eltern gegen Kinder", USA 2006, Sitcom. Synopse:
Larry verkündet, Präsident einer Vereinigung werden zu wollen. Dave freut sich, dass sein Sohn den Mut hat, ein Anführer sein zu wollen. Seine Begeisterung schlägt in Entsetzen um, als er erfährt, dass Larry Präsident des Schach-Clubs werden möchte. Dave will seinem Sohn unter allen Umständen die Schmach ersparen, zum belächelten und von seinen Mitschülern gehänselten Streber zu werden.

Sonntag, 22. November 2009

Gibt´s in Chanti auch Chianti?

Hotelzimmer gibt es in der sibirischen Ölstadt jedenfalls zu wenig, um nächstes Jahr alle Schacholympiadebesuchswilligen aufzunehmen. Als Generalprobe dafür dient der Weltcup, der am Samstag begonnen hat. Etwa zehn 2700er haben abgewinkt. Darunter alle Stars, nämlich Carlsen, Topalow, Anand, Kramnik, Aronjan, die ja auch ihre Teilnahme im nächsten WM-Zyklus in der Tasche haben. Ebenfalls für die Kandidatenwettkämpfe qualifiziert sich der Sieger von Chanti-Mansisk. Hier mal eine Liste, wer meines Wissens fix ist:

Kamsky (Verlierer Kandidatenfinale)
Aronjan (Sieger Grandprix)
Carlsen (Elo)
Kramnik (Elo)
Anand oder Topalow (Verlierer WM)

Ein Freiplatz dürfte an Baku gehen, wo ein Teil der Kandidatenkämpfe, nämlich der ohne Aronjan, stattfinden soll. Für diesen Platz gibt es mit
Radschabow, Gaschimow und Mamedscharow drei Kandidaten - und vielleicht ja ein nettes Ausscheidungsturnier?

Ich schätze, dass der verbleibende achte Platz nicht, wie von der FIDE mal angekündigt, an den Zweiten des Grandprix geht. Dafür müsste diese von Aronjan vorzeitig uneinholbar gewonnene Serie mit einem sechsten Turnier ordentlich abgeschlossen werden. Im Gespräch war auch einmal, dass die ersten beiden des Weltcups Kandidaten werden, aber auch das halte ich für unwahrscheinlich. Eher ist damit zu rechnen, dass der Ausrichter des nicht in Aserbaidschan stattfindenden Teils der Kandidatenkämpfe den Spieler nominieren darf.

(Nachtrag) Oder die FIDE will es mal wieder allen recht machen und erweitert die Kandidatenkämpfe auf zehn Teilnehmer, was mit k.o. nicht geht aber durchaus als doppelrundiges Rundenturnier.

Freitag, 20. November 2009

Weißte noch: Westberlin, Goetheinstitut?

Ganz Deutschland erinnert sich zwanzig Jahre danach an die Tage des Mauerfalls. Ganz Deutschland? Nein, die Schachszene hat wieder einmal nichts mitgekriegt und schwelgt im Gedenken an Kasparow und Karpow. Nur der Schachblogger trägt brav seinen Teil zur Erinnerungsarbeit bei. Na denn mal los:

Am späten Abend des 9.November 1989 war ich im Café Belmontfort, dem Berliner Schachcafé in der Nähe vom Bahnhof Zoo. Irgendwann fiel mir auf, dass der Fernseher lief, was, glaube ich, wenn nicht gerade Fußball lief, ungewöhnlich war. Es waren die Zeiten, als das Privatfernsehen noch jung war und neue Formate brachte. Die Öffnung der DDR-Grenzen schien mir eine kuriose Idee. Ich habe eine Weile nur halb hingeschaut, bis ich begriff, dass das keine schräge Satire war sondern aktuelle Bilder von wenigen Kilometern entfernt: Hey, das ist ja echt. Nichts wie hin.

Gegen halb eins machte ich mich mit einem Grüppchen, keine Ahnung mehr, wer dabei war, auf zur Invalidenstraße, dem am schnellsten erreichbaren Übergang. Dort mischten wir uns ins Gedränge und schauten zu, wie von drüben Menschen nach West-Berlin strömten. Es war vor allem ein Gedränge und Geschiebe. Und von Sekt für alle und Tanzen auf der Mauer konnte keine Rede sein. Das kam erst später.

Am nächsten Morgen musste ich rechtzeitig raus, um den Flieger nach München zu nehmen. Bundesliga. Der Plan, mit dem Auto zu fahren, hatte nicht allen gefallen. Sonst hätten wir den Tag wahrscheinlich im Stau zwischen Trabis und Wartburgs verbracht. So kam es, dass ich das chaotischste und fröhlichste Berliner Wochenende verpasste, um in München zwei Partien zu spielen, an die ich mich nicht erinnern kann, ohne in der Datenbank nachzusehen.

Aber die Mauer wurde ja nicht gleich wieder dicht gemacht. Und ich hatte auch schon eine Idee, was mein Beitrag sein konnte.

Wenige Wochen zuvor hatte ich als Zuschauer das Empor-Open besucht. Schachfreunde im Osten hatte ich vorher schon. Die rief ich an und fragte, was sie von einem Wettkampf zwischen West-Berlin und Ost-Berlin hielten. Nicht so sehr, um zu sehen, wer stärker ist, sondern um Kontakte zu knüpfen. Auf die Idee, den Verband einzuschalten, egal ob im Westen oder Osten, kam ich gar nicht. Wozu auch. Ein lieber Schachfreund war Hausmeister, heute würde man sagen Facility Manager, im zentral gelegenen Goethe-Institut, das seine Räume gerne zur Verfügung stellte. Das nötige Kleingeld für ein Buffet war auch rasch aufgestellt.

Keine vier Wochen später, ich glaube am 5.Dezember, trafen wir uns. Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit vielen, deren Namen ich aus der Ostzeitschrift Schach kannte und nun zum ersten Mal sah. Und dass es sehr spät wurde. Aber wie der Wettkampf ausging? Keine Ahnung (aber Kommentator Lila Rentier hat nachgeschaut, danke!). Ich sag einfach mal, an diesem Abend gab es keine Verlierer.

Mittwoch, 18. November 2009

Medien für Mädels

Hin und wieder schaut der Schachblogger nach, welche redaktionellen Eigenberichte über Schach in die deutschen Medien finden. Worauf stößt man nach Kramniks Sieg im bestbesetzten Turnier 2009 oder Carlsens Triumph im Moskauer Weltklasseblitz ganz oben bei News-Google? Nein, nicht Top Ten, nicht Top Hundert, nicht mal Top Tausend. Auf Interviews mit Elisabeth Pähtz (Mainpost) und mit Anna Scharewitsch (Neues Deutschland). Und die werden nicht mal zu den aktuellen Ereignissen im Schach gefragt, sondern reden nur über sich selbst.

Zu null

Magnus Carlsen hat die inoffizielle Blitz-WM (feine Fotos bei Chessbase) nicht nur überlegen gewonnen, nämlich drei Punkte vor dem zweitplatzierten Anand und volle sechs Punkte vor dem Dritten Karjakin. Wie Zsuzsa Polgar bemerkt, hat Carlsen dabei auch die auf Platz zwei bis fünf endenden Spieler - neben Anand und Karjakin Kramnik und Grischtschuk - jeweils 2:0 geschlagen.

Dienstag, 17. November 2009

Carlsen obenauf

Dass Magnus Carlsen mit seinem soliden plus-zwei-Ergebnis ganz knapp die Führung in der Liveweltrangliste übernommen hat, hat sich herumgesprochen. Um am 1.Januar auch auf dem Papier vorne zu stehen, muss er allerdings noch im Dezember in London ein gutes Turnier spielen.

Montag ging das dem Tal-Gedächtnisturnier traditionell folgende Blitzturnier los, und noch bis Mittwoch am späten Nachmittag wird in Moskau weiter geblitzt, insgesamt 42 Runden lang. Um den Sieg ist ein Duell zwischen dem am ersten Tag überragenden Anand und dem am zweiten Tag mächtig aufdrehenden Carlsen entbrannt. Kramnik spielt weiter riskofreudig, aber nicht ganz so erfolgreich wie im klassischen Turnier. Hier kann man sich die Partien live ansehenund hier ist die Kreuztabelle.

Bei Carlsen läuft es nicht nur schachlich. Er hat auch einen neuen Sponsor an Land gezoge, auf dessen Seite sein Blog (nicht mehr aus der Vaterperspektive sondern anscheinend von Magnus selbst geschrieben) neuerdings firmiert. Der Finanzdienstleister Artic Securities zahlt ihm für zwei Jahre zwei Millionen norwegische Kronen (240 000 Euro). Was aber nicht ganz reicht die Kosten des Trainings mit Kasparow zu decken, weshalb Carlsens mit weiteren möglichen Sponsoren im Gespräch sind.

Mittwoch, 11. November 2009

Schach in Zeiten des Schweinegrippe

Iwantschuk brachte am Dienstag in Moskau zu seiner Weißpartie gegen den angegrippten Carlsen nicht nur ein erbärmliches, in dieser Form ambitionsloses Damenbauernspiel sondern auch einen Mundschutz mit, der bei einigen Teilnehmern ein Lächeln hervorrief. Was der Ukrainer mehr fürchtete, die Hand Kasparows in Carlsens Eröffnungsrepertoire oder den schweinisch benannten Virus, ist nicht überliefert. Jedenfalls kam er mit einem Remis davon.

Auf Chessvibes ist eine Diskussion entbrannt, ob nicht eher Carlsen anstelle Iwantschuks den Mundschutz hätte tragen sollen. In einigen zivilisierten Ländern, überwiegend in Ostasien, ist es üblich, dass Menschen, die unter Grippeverdacht unter Menschen müssen, einen Mundschutz tragen. Entsprechende Fotos werden fälschlich als paranoide oder hysterisch verstanden, während in Wahrheit Rücksichtnahme dokumentiert ist. Aber um zu entscheiden, ob Carlsen unfair handelt, wissen wir zu wenig. Auf seinem neuen Blog erwähnt er nur Halsweh und Fieber (was eine Ferndiagnose auf Schweinegrippe zwar nicht völlig ausschließt, aber unwahrscheinlich erscheinen lässt). Falls er in den letzten Tagen einen Arzt aufgesucht hat, wird er die Frage wohl mit diesem beraten haben. Falls das Tal-Memorial einen Turnierarzt hat, müsste dieser befinden, ob Carlsen wie übrigens kürzlich eine der Teilnehmerinnen des Frauen-Grandprix mit Mundschutz spielen muss. In den FIDE-Regeln steht natürlich nichts darüber.

Auch ich habe mir die Tage einen Virus eingefangen (aber das Fieber blieb unschweinemäßig niedrig). Hätte ich meinen Mundschutz aus Wien nach London mitgebracht, hätte ich den zum Schutz meines Sohnes zumindest zeitweise getragen. Hätte ich in den letzten Tagen Schach spielen müssen, hätte ich meinem Gegner den Handschlag zu Beginn und Ende erspart. Damit hätte ich allerdings gleich einmal riskiert, genullt zu werden. Dass dies nicht die einzige absurde unter den neueren FIDE-Regeln ist, muss ich in diesem Blog nicht erläutern.

Bei Chessvibes meinte jemand, Carlsen hätte gar nicht spielen dürfen. Das scheint mir stark übertrieben. Der Schaden, wenn ein Teilnehmer des stärksten Turnieres des Jahres ausfällt, wäre immens. Wo sich bei einem Mannschaftskampf ein rotzender Spieler ans Brett schleppt, um seinem Verein einen Geldstrafe zu ersparen, verstehe ich das auch. Hauptsache, er verhält sich risikominimierend für die anderen.

Dass FIDE und ECU seit der Schacholympiade in Dresden Voranmeldefristen zu Mannschaftsturnieren forcieren und zugleich die Ersatzspieler reduziert haben, sorgt dafür, dass öfter Kranke ans Brett kommen. Vermutlich soll Schach spannender werden, wenn Ansteckungsgefahr ins Spiel kommt.

PS: Übrigens ist der von mir als Favorit genannte Kramnik in einer geil geführten Partie gegen Ponomarjow gerade dabei, weitere Sympathien zurück- und mit plus drei die alleinige Führung vor Anand zu erobern. Wer Kramnik noch stoppen kann? Mein gerade seinen ersten Sieg einfahrender und nicht von wieder mit Mundschutz spielender gehandicapter Geheimtipp Iwantschuk, der in der letzten Runde Weiß gegen ihn hat.

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