Mittwoch, 30. Dezember 2009

Pöcksteiner siegt

Genau 16 Teilnehmer kamen zum ersten Wiener Fischerschach/Chess960-Turnier. Da lag ein doppelrundiges k.o.-System mit Ausspielung aller Platzierungen auf der Hand bei 10-Minuten-Partien und Armageddon-Blitz im Fall eines 1:1. Spielort war der Wiener Zentralschachklub, derzeit noch als Haus des Schachsports bekannt.

Erster Wiener Fischerschachmeister ist Johann Pöcksteiner. Im Vorstand des Wiener Schachverbands gibt es also nicht nur die Bereitschaft für improvisierte Veranstaltungen wie diese (vielen Dank!), sondern auch hohen Schachverstand! Präsident Christian Hursky war trotz mangelnder Spielpraxis (er ist Berufspolitiker) und Antidoping (Antibiotika) ebenfalls mit von der Partie. Gegen zwei Zweitligaspieler blieb er chancenlos, aber in den übrigen Runden gewann er drei Partien. Auf dem dritten Platz landete Peter Zsifkovits, nicht zu verwechseln mit einem Herrn, der schon als Jungwirth-Nachfolger im ÖSB gehandelt wurde.

Hier alle Ergebnisse:

Achtelfinale:
Reyes - Unger 2-0
Lechner - Franitzer 2-1
Zsifkovits - Maienschein 2-0
Steiner - Hursky 2-0
Pöcksteiner - Nolz 2-0
Ebert - Blauensteiner 2-0
Herndlbauer - Reinwald 1,5-0,5
Haslinger - Kalab 2-0

Viertelfinale
Reyes - Haslinger 2-0
Herndlbauer - Lechner 2-0
Zsifkovits - Ebert 2-1
Pöcksteiner - Steiner 2-1
Untere Hälfte
Unger - Kalab 2-0
Reinwald - Franitzer 2-0
Maienschein - Blausteiner 2-0
Nolz - Hursky 2-0

Halbfinale
Pöcksteiner - Reyes 2-0
Herndlbauer - Zsifkovits 2-0
Zweites Viertel
Steiner - Haslinger 2-0
Lechner - Ebert 2-1
Drittes Viertel
Nolz - Unger 1,5-0,5
Reinwald - Maienschein 2-0
Viertes Viertel
Kalab - Hursky 2-1
Franitzer - Zoltan (ersetzt Blauensteiner) 2-0

Finale
Pöcksteiner - Herndlbauer 2-1
Um Platz drei
Zsifkovits - Reyes 1,5-0,5
Um Platz fünf
Steiner - Lechner 2-0
Um Platz sieben
Ebert - Haslinger 2-0
Um Platz neun
Nolz - Reinwald 1,5-0,5
Um Platz elf
Unger - Maienschein 2-0
Um Platz dreizehn
Franitzer - Kalab 2-0
Um Platz fünfzehn
Hursky - Zoltan 2-1

Vielen Dank an den Wiener Schachverband, an alle Teilnehmer und an DGT, Hersteller der Digitaluhr mit Chess960-Auslosung auf Knopfdruck!

Freitag, 25. Dezember 2009

Wo man Fischer Random trainieren kann

Wer sich, etwa vor der Teilnahme am Fischer Random/Chess960-Turnier in Wien am 29.12., in der spannendsten Schachvariante erproben will, kann das online tun. Mit einer Mitglieschaft auf einem kostenpflichtigen Server Schach, ob ICC oder Fritz-Server, findet man dort auch Fischer Random. Auch die Gratisserver bieten diese Schachvariante an. Neben FICS, MySchach und Chesscube fand ich Brettspielnetz und den Chess960-Server von Alexandra Kosteniuk der Chesstigers.

Mit strategischen Einführungen sieht es dagegen mau aus. Einen Artikel zur Eröffnungsbehandlung habe ich zwar gefunden. Wirklich empfehlen kann ich die Lektüre allerdings nicht.

Wie man aus einer Weihnachtsente zwei Gerichte macht...

...dürfte jeder gute Hausmann wissen. Wie man aus einer Zeitungsente zwei Artikel macht, weiß auch der schlechteste Journalist. Kriegt man eine unwahrscheinliche Information, druckt man sie einfach ungeprüft. Wenn man es nachher richtigstellen kann, ist wieder ohne großen Aufwand ein Stück produziert.

So geschehen mit der angeblichen Verpflichtung Carlsens als Anands WM-Sekundant. Der indische Telegraph hat wohl schlicht die Namen Carlsen und Nielsen (quasi Anands Heimtrainer und damit kein Geheimnis fürs Topalow-Camp) verwechselt, wie zuerst die Leser von Chessvibes vermuteten. Ein Hamburger Spezialist für schachliches Fastfood hat es aufgegriffen, und die Falschmeldung ist weiterhin unkorrigiert online (siehe 23.12.). In einem zweiten Stück, das sich durchaus nicht wie das Eingeständnis mangelnder Sorgfalt liest, wird dann, ohne die Quelle zu nennen, von Chessvibes abgeschrieben.

Dass es überhaupt so schnell ging, lag übrigens daran, dass ein Journalist (professioneller Journalismus führt oft dazu, dass keine Geschichte herauskommt sondern allenfalls ein paar Zeilen auf einem unbezahlten Blog) bei Carlsens anfragte, ob die indische Meldung stimme. Vater Carlsen hat seine Antwort dann pflichtschuldig gleichlautend nach Hamburg gemailt.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Nordwärts

Das norwegische Schach schwebt auf Wolke sieben. Erst hat Magnus Carlsen das London Chess Classic gewonnen (und Hammer das Open) und sich damit die Führung in der Weltrangliste auch auf dem Papier gesichert. Gleich nach seiner Heimkehr wurde er von den Lesern der größten Tageszeitung VG zum Norweger des Jahres gewählt. Und nun hat die norwegische Regierung auch noch eine Garantie von 8,5 Millionen Euro für die Schacholympiade 2014 in Tromsö locker gemacht (Pressemitteilung) - vorausgesetzt, die Bewerbung geht bei der Abstimmung während der Schacholympiade im Oktober durch. Klingt nach einem Rekordbudget (Turin kostete ca. 3,5 Millionen, Dresden nicht ganz 4,5 Millionen), ist es aber nicht: Istanbul, das den Zuschlag für 2012 hat, plant nach eigenen Angaben mit zehn Millionen Euro.

Ob in Norwegen auch Fischer Random / Chess 960 gespielt wird, hat der Schachblogger noch nicht herausgefunden. Dafür in Wien am 29.Dezember.

Sonntag, 20. Dezember 2009

1. 0-0-0 ?!

Schach mit einer zufälligen Anordnung der Figuren auf der Grundreihe wurde schon im 19.Jahrhundert gespielt. Bobby Fischers genialer Beitrag ist die Regel, dass der König zu Beginn zwischen den Türmen stehen muss und nach beiden Flügeln rochieren kann. Mit der weiteren Einschränkung, dass die Läufer auf Feldern unterschiedlicher Farbe stehen, ergeben sich so 960 mögliche Grundstellungen. Weil Fischer wegen seines Antisemitismus nicht allgemein geschätzt wird, wird das von ihm 1996 präsentierte Fischer Random Chess heute meist als Chess960 bezeichnet.

Aber nochmals zur Rochaderegel. Wie im gewöhnlichen Schach dürfen König und Turm noch nicht gezogen haben, der König weder im Schach stehen noch über ein angegriffenes Feld ziehen, der Turm aber durchaus. Nach der Rochade landen die beiden Figuren auf ihren üblichen Feldern: Bei der Rochade zum Damenflügel der König auf c1 (c8) und der Turm auf d1 (d8), am Königsflügel der König auf g1 (g8) und der Turm auf f1 (f8). Wenn beide Seiten rochiert haben, ist der Stellung mitunter nicht mehr anzusehen, dass sie nicht aus der gewöhnlichen Grundstellung entstanden ist. Es gibt ein paar Grundstellungen, in denen eine Rochade sogar im ersten Zug möglich ist. Hier ist eine davon:

shuffle348

Das ist Stellung 348 in der Chess960-Datenbank von DGT. 348 habe ich nicht zufällig gewählt, sondern weil es 29 mal 12 entspricht. Am 29.12. organisiere ich nämlich das - zumindest meines Wissens - erste Fischerschach- (bzw. Chess960-)Turnier in Österreich. Um 16 Uhr im neuen Wiener Haus der Schachsports neben dem Ernst-Happel-Stadion. Am Anfang werde ich eine kurze Einführung und ein paar Tipps geben. Dabei werde ich auch darauf eingehen, warum ich 1. 0-0-0 nicht für den besten Zug in Stellung 348 halte.

Freitag, 18. Dezember 2009

Wiener aufgepasst!

Schachblog proudly presents:

Fischerschachturnier*
Dienstag den 29.Dezember 2009, 16 bis 19 Uhr**
Haus des Schachsports Wien***
sechs Runden 10 Minuten-Partien****
Schachpreise, freies Startgeld und Backwerk

Um Voranmeldung wird gebeten:
messelwitz2000@yahoo.de
oder 0650 2189098 (ab 26.Dezember)

* auch als Chess960 (mehr darüber hier) bekannt
** Vorangemeldete können 17 Uhr mit 1 aus 2 in Runde drei einsteigen
*** neben dem Ernst-Happel-Stadion, 2 Min von U2-Endhalt Stadion
****wenn Digitaluhren da sind zuzüglich zwei oder drei Sekunden pro Zug

Mehr in Kürze

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Nach dem Schach

Den höchsten Eloschnitt hatte im Kensington Olympia-Konferenzzentrum nicht der Spielsaal (gedrückt durch zeitweise Hunderte Zuschauer), auch nicht der Kommentarraum (wo um die Hundert Platz fanden) oder die Osthalle mit dem Open oder der kleine Presseraum, wo immerhin meist ein GM (Ian Rogers) anzutreffen war. Nein, das höchste Niveau wurde im VIP-Raum geboten.

Unter den ein bis zwei Dutzend Anwesenden fand man da leicht eine Handvoll Großmeister der nicht mehr aktiven Sorte. Etwa John Nunn, der mit einer fetten Kamera um den Hals baumelnd leicht als Profifotograf durchgegangen wäre. Jon Speelman spielt auch praktisch nicht mehr, schreibt aber täglich im Independent. Julian Hodgson war da, der schon in den Neunzigern mit über 2600 Elo feststellte, dass er als Schachlehrer für Anfänger besser verdiente. Auch Jon Levitt, der seine lukrative Nische mit Sportwetten gefunden hat. Und dieser Herr, der in den Achtziger- und Neunzigerjahren für Solingen Bundesliga spielte,

Norwood-David-11

wurde vom Fotografen bei einem schnelles Partiechen sogar selbst am Brett erwischt: David Norwood lebt seit vielen Jahren als Fondsmanager auf den Bahamas und trägt ein Wohlstandsbäuchlein mit sich herum.

Drei Punkte pro Sieg sind bei Sofia-Regeln zu viel

Ein kleines Problem habe ich doch mit dem gestern zu Ende gegangenen London Chess Classic. Im verständlichen Wunsch nach kämpferischen Partien ist der Organisator etwas übers Ziel hinausgeschossen. Die Sofia-Regel, dass Remis ausgespielt sein müssen, hat sich bewährt. Zusätzlich noch Siege mit jeweils drei Punkten gegenüber nur einem Punkt für ein Remis zu honorieren, führt schon etwas zu weit und erst recht, wenn bei Punktgleichheit noch einmal mehr erzielte Siege den Ausschlag geben (bei der gewöhnlichen 1, 1/2-Regelung finde ich das ein sehr gutes Kriterium). So musste der glücklos agierende Nakamura nicht nur den lausig spielenden Ni Hua sondern auch den brav kämpfenden aber eröffnungstheoretisch herausgeforderten McShane (der nur Nakamura nicht zuletzt dank einer feinen Neuerung schlagen konnte) hintervor sich lassen, die beide einen Halben weniger haben. Wie die offizielle Tabelle aussieht, kann man hier sehen. So sähe das Klassement nach alter Väter Sitte aus:

1. Carlsen 5
2. Kramnik 4,5
3.-4. Howell, Adams 4
5. Nakamura 3
6.-8. McShane, Ni Hua, Short 2,5

Dienstag, 15. Dezember 2009

Magnus macht es spannend

Nachdem Kramnik gegen Nakamura die Züge wiederholt hatte, stand fest, dass Carlsen ein halber Punkt reichte, um das Londoner Turnier zu gewinnen. Nicht nur das. Auch um die Führung in der Weltrangliste (Liveliste) zu behalten bzw. auf dem Papier ab 1.Januar anzutreten, brauchte er gegen Short mindestens ein Remis. Doch er spielte mit Schwarz weiter hartnäckig auf Gewinn. In dieser Stellung

Magnusspannend

hätte er einfach auf f6 nehmen können und gute Siegchancen gehabt. Short meinte zwar, er sei dank seinem vorgerückten c-Bauern einem Remis dann immer noch näher als einer Niederlage, aber auf einen Gewinn hätte Weiß nicht hoffen dürfen. Anders nach der Partiefolge:

54...Dd1+? 55. Kb2 Dh5 56. c5

Hier war Carlsen schon drauf und dran, den vorausberechneten Zug 56...Dxc5 zu ziehen, bevor er das teuflische 57.Dg2+ Kf8 58. Da8+ nebst Matt entdeckte. Auf einmal muss er genau spielen.

56...h3 57. c6 a4 58. Ka2!

Schlaue Prophylaxe von Short: Nimmt den König aus den Schachs. Carlsen ließ seine Bedenkzeit bis auf 18 Sekunden ablaufen, bis er einen weiteren von Short (der mit 58...Dg5 rechnete) nicht erwarteten zog:

58...Dd1! 59. De8+ Kh7 60. Dxf7+ Kh6 61. c7 Dc2+ 62. Ka3 h2

Carlsen hat gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Nun ist es remis. Da aber nach Sofia-Regeln gespielt wurde, bekamen die Zuschauer das Remis auch in vollen Zügen präsentiert:

63. Dg7+ Kh5 64. Dh8+ Kg6 65. Dg8+ Kxf6 66. c8D Dxc8 67. Dxc8 h1D 68. Da6+ Ke5 69. Db5+ Dd5 70. Kxa4 Dxb5+

Short: "...und hier fand ich den einzigen Zug, der remis macht."

71. Kxb5 remis

Das war der Schlussakkord eines der bestorganisierten und kämpferischsten Turniere, das ich gesehen habe. Herzlichen Dank an alle Spieler, an das Organisationsteam um Malcolm Pein und die ungenannten Mäzene.

Montag, 14. Dezember 2009

Sensatie in de Nederlandse Meesterklasse

Ein kleines Erdbeben hat am Samstag die niederländische Liga erschüttert. Schlappe 240 Elopunkte hat Meister Hilversum, das von Joop van Oosterom gesponserte Team, im Mittel mehr an jedem Brett als der Abstiegskandidat aus Nijmegen, der in den ersten drei Runden noch keinen Mannschaftspunkt geschafft hatte. Und nun das:

Hilversum - SMB Nijmegen 4½ - 5½
1. GM Jan Smeets 2650 - FM Joost Retera 2328 1 - 0
2. GM Friso Nijboer 2561 - FM Hans Klip 2353 ½ - ½
3. GM Yasser Seirawan 2649 - Jaap Houben 1 - 0
4. GM Wouter Spoelman 2552 - FM Stan van Gisbergen 2304 0 - 1
5. GM Erwin l' Ami 2606 - Fitzgerald Krudde 2316 0 - 1
6. IM Jop Delemarre 2437 - FM Jochem Aubel 2252 0 - 1
7. IM Ruud Janssen 2513 - Carl Wustefeld 2252 0 - 1
8. Henk Vedder 2380 - Cees Koopmans 2158 1 - 0
9. IM Robin van Kampen 2470 - Erik van Heeswijk 2239 0 - 1
10. FM Wieb Zagema 2318 - Peter van den Berg 1 - 0

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