Donnerstag, 5. November 2009

Vorhang auf für die internationalste Schachliga

Die österreichische Bundesliga startet an diesem Freitag in Jenbach in die Saison. Unter anderem mit der Begründung, dass die Onlinezuschauer voll auf ihre Kosten kommen, werden alle Spieler wie Schulkinder am Brett sitzen müssen, sobald der Schiri die Zeit für gekommen hält. Bitte alle aufstehen und im Chor: "Guten Tag, Herr Stubenvoll!" (und dass mir ja keiner Heil Hitler ruft...)

Keine Ahnung, ob der Guinessbuch-Eintrag als internationalste, will sagen am stärksten mit Ausländern bestückte Schachliga der Welt schon geschehen ist. Der eingeschlagene Weg zur inländerfreien Liga geht jedenfalls weiter. Vielleicht noch jeder dritte der Spieler wird aus Österreich sein. Unter den ersten sechs haben die zwölf Teams zusammen gerade mal sieben Österreicher gemeldet, darunter Atlas, Shengelia, Kindermann, die Jungstars Ragger und Platzgummer sowie bei Pamhagen Kuthan und Vitouch.

Pamhagen ist unklassenhaltbar. Meister Husek hat Nakamura, Najer und Caruana zwar gemeldet, will sie aber nicht einsetzen, sondern ebenfalls ohne Rückzug den Abstieg antreten. Der dritte Absteiger ist nicht so klar. Mayrhofen gilt als erster Anwärter, und wenn es bei den Tirolern schlecht läuft, könnte die Sache frühzeitig gegessen sein.

Ins Titelrennen geht Baden erstmals als Favorit. Dank der Verpflichtung Shengelias (von Graz) kann mein Verein zusammen mit Baumegger und Lendwai regelmäßig drei starke Österreicher aufbieten. Die durch die Hochrüstung der Spielerliste eingebüßten Sympathiepunkte ließe sich auf diese dem sonstigen Trend der Liga trotzende Weise mehr als wettmachen. Die Aufstellungen haben mich gerade an einen schon verdrängten weiteren Badener Zugang erinnert: Beljawski kommt von Semriach, besser bekannt unter dem Sponsorennamen Holz Dohr. Sieht natürlich so aus, als sollte damit der mutmaßliche Hauptkonkurrent geschwächt werden. Der hat dafür Meier ans erste Brett geholt, außerdem den starken jungen Ukrainer Kusubow. Man braucht kein Prophet sein, um einen Zweikampf zwischen Baden und Semriach vorherzusagen.

Nominell stark ist zwar auch Aufsteiger Fürstenfeld mit den Neuzugängen Kurnosow (bekannt geworden durch Mamedscharows haltlosen Betrugsvorwurf), Roiz und Mikhalevski. Und Jenbach hat Volokitin gemeldet. Eine kleine Chance, ins Rennen um Platz eins einzugreifen, falls es bei Baden nicht rund läuft, gebe ich indessen allenfalls den kampfstarken Wulkraprodersdorfern. Und weil für die der Schachzoo-Direktor aufläuft, sind dort die besten Insidergeschichten aus der Liga zu erwarten: Herr Schneider, übernehmen Sie!

PS: Ein paar Mannschaften setzen mehr Österreicher ein, als ich erwartete. Wäre ja erfreulich, wenn ich mit meiner Prognose richtig liege. Wobei allerdings Sparen das Hauptmotiv ist. Ansonsten zeigen die ersten Runden schon überdeutlich die Kluft zwischen starken und schwachen Teams. Mit zwei Siegen und 9:3 Brettpunkten nach zwei Runden ist man gewöhnlich erster, aber in dieser Liga derzeit nur geteilter Vierter.

Mittwoch, 4. November 2009

Favorit Kramnik, Geheimtipp Iwantschuk

An diesem Donnerstag beginnt im Moskauer Hotel National, nahe dem Roten Platz, das Tal-Gedenkturnier. Es dürfte das stärkste Einzelturnier des Jahres sein (Liveübertagung täglich ab 13Uhr). Aronjan, Swidler und Morosewitsch steckt noch die Mannschafts-EM, die vorigen Freitag endete, in den Knochen. Leko zeigte sich kürzlich in Nanking in schwacher Form. Ponomarjow ist einfach keiner, der ein absolutes Weltklasseturnier gewinnt. Gelfand sehe ich in starker Form auch nur als Anwärter auf Platz zwei. Bleiben vier, die für Platz eins in Frage kommen.

Anand hat seit dem Frühjahr kein ernstes Turnier bestritten und sollte frisch sein, aber dass der WM-Kampf mit Topalow bevorsteht, ja die Verhandlungen über die Details wohl noch nicht abgeschlossen sind, belastet den Inder. Carlsen wird nach seinem phänomenalen Resultat in Nanking als Favorit gehandelt, aber ich glaube nicht, dass er gleich noch einmal so über sich hinauswachsen wird.

Kramnik hat sich seit dem Juli, als er in Dortmund sehr stark spielte und verdient gewann, geschont bzw. väterlichen Pflichten gewidmet. Von ihm erwarte ich ein gutes Ergebnis. Motiviert wird er nicht nur durch den Austragungsort vor den Augen wichtiger Förderer sondern auch weil sich er neben Carlsen den zweiten nach Elo vergebenen Platz im Kandidatenturnier sichern kann. Mein Geheimtipp lautet Iwantschuk. Der geht zwar (zusammen mit Ponomarjow) mit der niedrigsten Elo (2739) ins Rennen und hat zuletzt in Hoogeveen gar nicht überzeugt (alle sechs Partien remis). Das wird ihn anspornen. Angst hat Tschucki sowieso vor niemand.

Maxime Weltmeister

Maxime Vachier-Lagrave hat einiges riskiert, als er sich als erster 2700-Spieler der Geschichte zur Teilnahme an der U20-WM entschlossen hat. Schließlich hat dieses Turnier in den letzten Jahren kaum einmal der Favorit gewonnen. Und da der Franzose kaum mit überbewerteten Gegnern rechnen durfte, war ein Eloverlust einen Tick wahrscheinlicher als ein Elogewinn.

Im südargentinischen Puerto Madryn entspann sich ein Duell um den Titel mit dem Weißrussen Sergei Schigalko, der mehrmals einen halben Punkt vorne war, aber Vachier-Lagrave in der Schlussrunde aufschließen ließ. Die Wertung gab knapp den Ausschlag für Vachier-Lagrave. Er legt zur Belohnung für seinen Mut und gezeigten Kampfgeist auch gut ein Dutzend Elopunkte zu und springt in der Weltrangliste auf aktuell Platz 17 (Liveratingliste seit einigen Tagen nicht aktualisiert) - hinter Carlsen, der auch noch teilnahmeberechtigt gewesen wäre, aber vor Karjakin: Es wird Zeit, dass der Franzose auch jenseits seiner Heimat als Kandidat auf den WM-Titel wahrgenommen wird.

Montag, 2. November 2009

Nächstes Nostalgiematch 2010 - vielleicht

Im Dezember wollten Karpow und Kasparow ihre Nostalgietour in Paris fortsetzen, der Louvre war schon als Spielort im Gespräch. Nun teilen die Veranstalter mit, dass die Sache auf 2010 verschoben sei, denn dann sei das "Jahr Russlands in Frankreich", und die potenziellen Sponsoren eher dabei.

Sonntag, 1. November 2009

Schön, dass wir im Schach keinen Prokop haben

Ein internationales Handballspiel Sekunden vor dem Schlusspfiff: Eine Stürmerin läuft frei aufs Tor zu, da wirft sich ihr der Trainer der verteidigenden Mannschaft in den Weg. Rote Karte für ihn, aber das Unentschieden gerettet. Seine ganze Sportlerfamilie, ja das ganze sportliche Österreich dürfte sich für Gunnar Prokop schämen. Er selber tut das nicht.

Schön, dass wir im Schach keinen Prokop haben. Wenn irgendwo vernehmlich ein Zug eingesagt wird, dann meistens aus Versehen, etwa weil der Einsagende denkt, die Partei sei vorbei und es werde schon analysiert. Dabei dürfte es heute dank der taktisch überlegenen Computer öfter denn je passieren, dass Zuschauer einen K.o.-Zug kennen, der am Brett vielleicht noch nicht erkannt wurde. Den Spieler kann man für ein Einsagen nur bestrafen, wenn es sich im Teamkampf um einen Mitspieler oder im Match um einen Sekundanten handelt. Dem Einsagenden droht auch nicht mehr als der Saalverweis. Trotzdem macht im Schach praktisch nie jemand den Prokop.

Was leider passiert, ist, dass Spieler bemerken, wie neben ihrem Brett getuschelt wird, oder sehen, dass Mitspieler oder Trainer das Gesicht verziehen. Solche meist unabsichtlichen Hinweise gehören von den Schiedsrichtern, freilich nachdem sich die Lage auf dem Brett geklärt hat, verwarnt. Jedenfalls viel öfter, als es jetzt passiert. Woran liegt das? Leider, und da wiederhole ich mich, impfen die Verbände unseren Wettkampfleitern ein, dass die nötige Fairness gewährleistet ist, wenn jemand sein Handy ausgeschaltet hat, pünktlich am Brett sitzt und seinem Gegner vor und nach der Partie die Hand gibt (Schweinegrippe, was soll´s). Was ich in Anlehnung an die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärtugenden unter Sekundärfairness einreihen würde.

Samstag, 31. Oktober 2009

Russische Goldquote sinkt weiter

Déja vu: Russland kommt in der letzten Runde gegen Spanien nicht über ein 2:2 hinaus. Bei der Schacholympiade in Dresden kostete es Bronze. Nun bei der EM in Novi Sad Gold. Aserbaidschan hat seinen ersten großen Mannschaftserfolg im Schach durchaus verdient. Mamedscharow ging freiwillig ans vierte Brett, um mannschaftsdienlich zu punkten. Gaschimow brachte die vielleicht beste Leistung des ganzen Turniers.

Aber klare Favoriten waren wie bei jedem internationalen Teamevent die Russen. Hier eine Chronik ihrer Misere, die 2001 einsetzte und 2005 in Göteborg ihren Tief- aber längst nicht Endpunkt erreichte.

Mannschafts-WM 2001: 1. Ukraine, 2. Russland
Schacholympiade 2002: 1. Russland (letztmals mit Kasparow)
Mannschafts-EM 2003: 1. Russland
Schacholympiade 2004: 1. Ukraine, 2. Russland
Mannschafts-EM 2005: 1. Niederlande... 14. Russland
Mannschafts-WM 2005: 1. Russland
Schacholympiade 2006: 1. Armenien... 4. Russland
Mannschafts-EM 2007: 1. Russland
Schacholympiade 2008: 1. Armenien... 6. Russland
Mannschafts-EM 2009: 1. Aserbaidschan, 2.Russland

Früher gewannen die Russen bzw. Sowjets nahezu alles. In den letzten zehn Teamevents beträgt die Goldquote nur noch vierzig Prozent.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Sargissjan macht es wieder spannend

Mit einem Sieg gegen Armenien wäre Aserbaidschan bei der EM in Novi Sad durch gewesen. Es kam umgekehrt. Kurioserweise haben sie den schwächelnden Guseinow wieder aufgestellt, der prompt gegen Sargissjan verlor. Damit bekam Mamedscharow auch wieder Schwarz, womit er halt nur für einen halben Punkt gut ist. Trotzdem kann es für die Aseris noch mit Gold klappen, nämlich wenn die beiden Mitführenden Russland und Armenien am Donnerstag 2:2 spielen. Favorit ist aber erst einmal wieder Russland. Favorit des Schachbloggers bleibt freilich Armenien.

Im deutschen Team enttäuschen aller außer Fridman. Ein größerer Ausfall ist nur Bulgarien, das nun auch Dänemark unterlag. Ob Topalow eloschonend nicht mehr eingesetzt wird? Schließlich würde ein Patzer von ihm reichen, Carlsen zur neuen Nummer eins zu machen...
Nachtrag: Laut Chessninja ist Topalow erkrankt und wurde deshalb nicht mehr eingesetzt.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Fuck the players

Wer sich während einer Partie Züge einsagen oder signalisieren lässt, kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit ungestraft davon. Selten fällt es auf, und wenn dann fällt der Beweis schwer. Wie viel leichter ist da ein rumorendes Mobiltelefon als Corpus Delicti. Wer sein Handy nicht ausschaltet, hat zwar keinerlei Betrugsabsicht, kriegt aber unweigerlich eine Null. So ziemlich das Schlimmste, was ein Spieler nach Ansicht von FIDE-GeneralsekretärIgnatius Leong tun kann, hat aber nichts mit Betrug zu tun. Zur Bestrafung von Zuspätzkommern reicht eine sofortige Null nicht. Jetzt werden von Leongsaftige Strafen propagiert (danke an Kommentator Bauerndiplom für den Hinweis). 500 Euro beim ersten Mal, 1000 Euro beim zweiten Mal, und ein Jahr Sperre beim dritten Mal.

Dahin sind wir nun gekommen, weil wir Spieler vor Jahren vergessen haben, uns gegen den Verlust des Augenmaßes in der Anwendung der Regeln zu wehren. Wie mies die Weltfunktionäre ihren Verband managen und für ihre kleinen korrupten Geschäft nutzen, war vielen Spielern lange relativ egal. Hauptsache man konnte Schach spielen. Langsam dämmert es: diese Funktionäre brauchen uns Spieler nur als Einnahmequelle. Was sinnvoll und uns wichtig ist, spielt keine Geige mehr.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Das ist der Hammer

Dass Norwegens erstes Brett die Performancebestenliste der Mannschafts-EM anführt, wird Kenner nicht überraschen... äh Moment schnell, hat Carlsen nicht (aus Angst um seine Elo) abgesagt? Richtig, Carlsens Kumpel und Vertreter Jon Ludvig Hammer ist es, der glänzt.

Nachtrag: Hammer hat bis zum Schluss ungeschlagen durchgehalten und eine Performance von fast 2800 erspielt.

Wechselgeschäft

Wer sich von seinem nationalen Verband nicht vertreten fühlt und daher wechseln will, sollte sich beeilen. Ab Juli 2010 gelten nämlich ziemlich saftige Ablösesummen von bis zu 50 000 Euro bei Spielern über 2700 Elo. Klingt nach einer "Lex Karjakin", der Ukrainer will ja künftig für Russland spielen, dürfte aber vor allem die Niederländer treffen, wenn sie in ein paar Jahren einen dann vielleicht schon über 2700 gelisteten Anish Giri einbürgern. Außerdem hat der Weltverband auch seine Gebühren für Wechsel nochmals saftig angehoben. Die neue Gebührentafel hier (PDF).

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