Donnerstag, 10. September 2009

Kasparows neuer Trainer

Zwei Wochen vor dem großen Match ist das Geheimnis geplatzt. Garri Kasparow hat sich für seinen WM-(Revival-)Kampf mit Karpow ab 21.September in Valencia (übrigens mit weiteren Stationen in Paris, wo der Vertrag vor dem Abschluss steht und vielleicht auch Moskau) mit einem der weltbesten Spieler vorbereitet. Ein Mann, der sich in dieser Funktion schon für Anand im Vorfeld der WM 2008 bewährt hat, auch wenn das Geheimtraining auch damals vorzeitig publik wurde: Magnus Carlsen. Chessvibes hat ein Interview mit Kasparows neuem Mann, Chessbase die schöneren Bilder, z.B. Kasparow im Urlaubslook zusammen mit seinem Trainer vor getrennten Computern in der kroatischen Villa.

Mittwoch, 9. September 2009

Ich bin doch kein schlechtes Omen

Voriges Jahr in Sofia habe ich Lewon Aronjan vor dem MTel Masters interviewt. Anschließend spielte er ein katastrophales Turnier, verlor mehr als 30 Elopunkte - was bis heute in der Weltrangliste nachwirkt. Vor seiner Abreise zum abgemagerten Grand Slam Finale in Bilbao telefonierten wir (darüber steht etwas in der ersten Nummer der Zeitschrift Schachwelt, die dieser Tage an die Abonnenten und nächste Woche an Bahnhofsbuchhandel und gut sortierte Zeitschriftenläden geht), und er legte gleich wieder mit einer Null los. Doch dieses Mal kann ich aufatmen. Lewon ließ sofort zwei Siege folgen und steht nach drei Runden zusammen mit seinem Bezwinger Grischtschuk in der Tabelle des bisher kurzweilig verlaufenden Turniers vorn - und nach Aktualisierung der Liveratingliste dort auf Rang drei hinter Toppy und Vishy.

Freitag, 4. September 2009

Frankreich, ich hab doch nur aus Liebe zu Dir, ja nur aus reiner Liebe zu Dir, ein Glas zu viel getrunken

Wladislaw Tkatschjew hat unserem Spiel Schlagzeilen in der Weltpresse (New York Times! Guardian!! Bild!!!) besorgt. Der Europameister von 2007 kam am Donnerstag beim Open in Kolkata, vulgo Kalkutta, sturzbetrunken zur Partie, nickte bereits in der Eröffnungsphase am Brett ein und war auch durch heftiges Schütteln durch die Schiedsrichter nicht zum Aufwachen zu bewegen - bis er nach nur elf geschafften Zügen die Bedenkzeit überschritt.

Bei der Schacholympiade vorigen November in Dresden hat der gebürtige Kasache, der seit einigen Jahren für Frankreich spielt, seinen Rausch wenigstens noch im Bett ausgeschlafen. Sein Team kostete das in der Schlussrunde allerdings kampflos einen Punkt und die letzten Chancen auf eine Medaille. Tkatschjew leistete damals vor der Kamera Abbitte und bat das französische Volk um Verzeihung und den Französischen Verband um eine zweite Chance.

Geht es nach Joel Lautier, der neuerdings für die Selektion des Teams verantwortlich ist, hat Tkatschjew in Dresden seine letzte Partie für Frankreich absolviert. Obwohl der gebürtige Kasache im August souverän die Französische Meisterschaft in Nimes gewann, wo von der Spitze nur Bacrot fehlte, hat Lautier erklärt (hier in Videobeitrag Nummer elf) , dass er für die Mannschafts-EM im Oktober in Novi Sad niemand nominiere, der nicht ein Minimum an Disziplin mitbringe.

Ergo ist Joel Lautier der wahre Schuldige, der Tkatschjew dazu getrieben hat, seinen Kummer über seine Nichtnominierung im Alkohol zu ertränken.

Anders als der frühere französische Spitzenspieler haben die indischen Organisatoren ein Nachsehen: Tkatschjew hat auch ihnen hoch und heilig versprochen, dass es nicht nochmal vorkommt. Zur heutigen vierten Runde durfte er wieder antreten.

Donnerstag, 3. September 2009

38 Jahre von 80

Seit 1971 ist der konservative Kulturpolitiker Kurt Jungwirth, der an diesem Donnerstag seinen 80.Geburtstag feiert, Präsident des Österreichischen Schachbunds. Jungwirth hat den damals kriselnden Verband nach Graz evakuiert. Dort gelang es ihm, die Schachorganisation mit Kulturmitteln durchzupäppeln. Wozu brauchten Steirer auch Kultur, wenn sie Schach haben... Aber das ist nur ein böses Bonmot.

Jungwirth hat nicht nur für Schach einiges geleistet, sondern etwa das renommierte Festival Steirischer Herbst lange geleitet und das ebenfalls bekannte Klassikfestival Styriarte ins Leben gerufen. Noch stets soll er täglich sein Büro in einem Grazer Palais aufsuchen, um Schach- und Kulturpolitik zu machen. Langsam scheint er zu merken, dass seine Zeit vorbei ist. Zum bevorstehenden Rückzug wünscht Schachblog Jungwirth, seine alten Tage bei bester Gesundheit zu verbringen.

Montag, 31. August 2009

In Moskau siegen die Jüngeren noch

Warum musste eigentlich in der Berichterstattung über das Amsterdamer Turnier Erfahrung gegen aufsteigende Stars ständig der Mannschaftsstand hervorgehoben werden? Weil die im übrigen gar nicht so alten Herren (das ist man dort neuerdings ab 33, siehe Swidler) gewonnen haben (mit 27,5:22,5 einen Tick höher als der Eloerwartung entsprechend) und so dem Lauf der Zeit ein wenig trotzten? Haben sie einander auch gegenseitig bei der Vorbereitung geholfen? Haben sie zusammen gefeiert? In der jüngeren Auswahl herrschte zumindest aufgrund des Reglements Konkurrenz: der Beste aus dem Team darf nämlich nächstes Frühjahr zum Amber Turnier nach Nizza. Spannend wurde es in der Beziehung aber nicht, weil Smeets einen Lauf und der weit aufregendere Spieler Nakamura einen krankheitsbedingten Antilauf hatte. Überrascht hat mich aber vor allem, dass der seit vielen Jahren kaum noch aktive Ljubojevic über 50 Prozent holte.

Bei der Moskauer Blitzmeisterschaft hatten am Ende die Jüngeren die Nase vorn, nämlich Grischtschuk, 25, vor Morosewitsch, 32, und Karjakin, 19. Aber das erwähne ich nur, um den fein anzuschauenden Bildbericht von Mischa Sawinow zu verlinken.

Sonntag, 30. August 2009

Schachforen unter einem Dach

Vor einer Woche fand es Matthias Langwald noch rufschädigend, dass seine Verkaufsabsichten für Schachfeld.de hier publik wurden und drohte dem Schachblogger sogar mit seinem Anwalt. Nun ist die Sache gegessen. Langwald will sich anderen Projekten widmen. Christian Carsten Grentrup, der Eigentümer von Forumfactory, hat sein Diskussionsforum übernommen. Dass Chessbase an einer Übernahme interessiert sein könnte, wie vereinzelt vermutet wurde, war vermutlich Blödsinn.

Geld zu verdienen ist im Betrieb von Foren über Google-Anzeigen, die teils über die nachgewiesenen Seitenclicks im Forum, teils über direkte Clicks auf die Anzeigen honoriert werden. Zu Grentrups ansehnlicher Forensammlung gehört auch schon Schachmatt.de. Damit sind die beiden größten deutschsprachigen Schachforen, wenn man einmal vom Chat auf dem Fritz-Server absieht, unter einem Dach (und der kleine, nichtkommerzielle Außenseiter Schachkiste hofft daher auf Zulauf). Ob Grentrup eine Zusammenlegung plant, Synergieeffekte sieht oder weitere Schachpläne hegt, hat er dem Schachblog zumindest bisher nicht verraten.

Donnerstag, 27. August 2009

Lasst Euch blicken, Schach-Wiener, oder es knallt!

Nämlich von diesem Freitag bis Sonntag beim Zelt zwischen Burgtheater und Café Landtmann. Am Freitag spiele ich ab 15 Uhr simultan gegen alle, die wollen und können. Nach 18 Uhr führe ich wahrscheinlich ein paar Leckerbissen vom Wien Open vor. Gegen 19 Uhr steigt dann ein Blitzturnier. Samstag gleiche Zeit, gleiches Spiel, nur mit Reini Lendwai und David Shengelia, die dann am Sonntag beide schon ab 11 Uhr im Einsatz sein werden, bis es zwischen 15 und 16 Uhr zum Fußball rübertrudelt. Alles im Auftrag der Anlagefirma Superfund und des österreichischen Spitzenvereins Schachklub Baden. Hier das Programm als PDF.

Das geht zu Herzen

Vorige Woche habe ich Otto Gutdeutsch noch beim Open im Wiener Rathaus kiebitzen gesehen. Nun lese ich, dass er am Montag verstorben ist. 58 Jahre alt. Herzinfarkt bei einem Open im slowakischen Brezova, das er als Schiedsrichter leitete.

Erst vor ein paar Wochen ist bei einem Open in Griechenland ein 43jähriger am Brett umgekippt. Sein Gegner war zufällig Arzt und konnte daher Erste Hilfe leisten, aber selbst ihm gelang es nicht, den Mann zu retten. Vor vielen Jahren war ich bei einem Turnier in München dabei, als ein Mittfünfziger aus Russland einem Infarkt erlag. Und ich erinnere mich dunkel, über die Jahre immer mal wieder von solchen Fällen gehört zu haben.

Nicht jeder Spieler mit Herzleiden ist so vorsichtig wie Ian Rogers, der auf Anraten seines Arztes seine Turnierkarriere beendet hat. Die Aufregungen einer umkämpften Partie müssen es gar nicht sein. Allein schon das langsam steigende Durchschnittsalter bei Schachwettbewerben legt statistisch nahe, dass Herzattacken bei unserem Spiel künftig eher zunehmen werden.

Außer bei den allergrößten Wettbewerben wie der Schacholympiade wird sich die Anwesenheit eines Turniernotarztes nicht rechtfertigen lassen. Ich bin wirklich kein Freund von Maßnahmen, um im Leben jedes Risiko zu vermeiden. Aber möglicherweise macht es bei Turnieren ab einer bestimmten Größe und einer bestimmten Zahl älterer Teilnehmer (wie der tragische griechiche Fall zeigt, darf man wohl ab 40 ansetzen) Sinn, einen funktionsfähigen Defibrillator dazuhaben und idealerweise auch jemand, der in die (bei einigen Geräten sehr einfache) Handhabung eingewiesen ist. Mit diesem elektrischen Stimulator lässt sich das für einen einsetzenden Infarkt typische Herzflimmern gezielt unterbrechen. Es wäre einfach schön, wenn jemand mit Public-Health-Kompetenz darüber nachdenkt, ob und gegebenenfalls wie es Sinn macht.

Im Wiener Rathaus, wo vorigen Sonntag ein Open mit 623 Teilnehmern zu Ende ging, gibt es übrigens einen Defibrillator. Ob er im Notfall gefunden worden wäre, steht indes auf einem anderen Blatt.

Dienstag, 25. August 2009

Ein geiler Zug rechtfertigt keine neun Tage Schach

Für mich hat sich das Wien Open nicht gelohnt. Für viele andere auch nicht. Allein aus meinem Bekanntenkreis haben sich fünf Spieler vorzeitig zurückgezogen (einer hat sich hier erklärt). Mit den Spielbedingungen und der Organisation hatte das nichts zu tun. Das war alles vom Feinsten. Das Problem ist, dass das Open in dieser Form nur für Spieler bis etwa 2350 Elo sportlich interessant ist. Wer darüber liegt, hatte praktisch kaum eine Chance auf eine IM- oder GM-Norm, weil er zu oft in der oberen Auslosungshälfte ist, egal wie erfolgreich er spielt. Um das zu ändern, müsste in einer A-Gruppe, die diesen Namen verdient, eine echte Elobeschränkung nach unten rein. Am besten 2200 aufwärts. Ein paar Ausnahmen kann man für verdiente Jungtalente oder Aufschlagszahler gerne machen.

Ein nachrangiges Problem des Wiener Opens war, dass die Preisvergabe rein nach Buchholz in diesem Turnier nichts verloren hatte. Für einen Gegner, der sechs Punkte erzielt, gibt es sechs Buchholzpunkte. Ob dieser Gegner eine Leistung von 2540 erspielt hatte oder von 1992 machte keinen Unterschied, doch so weit war die Spannbreite in diesem Turnier.

Beim nächsten Wiener Open, das voraussichtlich 2011 stattfindet, kann man das ja besser machen.

Nun mal nicht zu meinen schlechtesten Zügen (in der Kategorie habe ich in der Schlussrunde noch nachgelegt, was ich Ihnen aber erspare) sondern zu meinem spektakulärsten Coup.

wilke
Schwarz, also Werner Wilke hatte gerade auf c3 genommen, als ich hier nach kurzem Nachdenken (das hatte ich mir schon vorher ausgeguckt) 12.Se5!! entkorkte. Leider entschloss sich Wilke schnell zur Rochade, so dass es kaum jemand sah. Nach einer schweren Fehleinschätzung ging er rasch ein. Spannend wäre es nach 12...Lxb2 geworden. Meine Vorausberechnung lautete nämlich 13.Txf6 gxf6 14.Lxf6, gefolgt von 15.Lh5+ und Matt in wenigen. Dummerweise ginge 14...0-0, und abgesehen davon, dass ich einen Turm weniger hätte, hängen auch noch der übrige Turm und ein Läufer, während der andere auf e2 fatal der Dame im Weg stünde.

War 12.Se5 trotzdem korrekt? Keine Ahnung. Ist das denn so wichtig? Dann analysieren Sie doch selbst oder fragen Sie Ihre eigene Kiste!

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