Samstag, 10. April 2010

Schach-WM beflügelt Hollywood

Nachdem zuletzt immer wieder Verfilmungen des missratenen Lebens von Bobby F. im Gespräch waren, macht in Hollywood derzeit ein Drehbuch die Runde, in dem zwei Osteuropäer, der eine von einem unberechenbaren Manager ferngesteuert, der andere geradewegs vom Kreml, in einem abgelegenen Kaff um die Schach-WM spielen, gewürzt mit Paranoia, wilden Anschuldigungen und anderen Absurditäten.

Leo-as-Toppy

Für die Hauptrolle in der Screwball Comedy "I Want My Toilet Back" ist ein gewisser Leonardi di C. im Gespräch, der sich eigens einen bulgarischen Bart hat stehen lassen und auf unserem von der GSI-Medienagentur zugespielten Foto während einer Übungspartie am Handy Zugvorschläge von seinem Agenten einholt, aber etwas unsicher ist, ob das regelkonform ist. Die wenn schon nicht brandheiße, so doch noch brühwarme Information stammt von Alexandra Kostenjuk, der ein Cameo-Auftritt als Sekundantin versprochen ist.

Freitag, 9. April 2010

St. Petersburg will nicht

Mit einem Sieg über 64 Moskau hätte die Mannschaft der Schachschule St. Petersburg um Iwantschuk, Swidler und Movsesian heute in der vorletzten Runde der Russischen Mannschaftsmeisterschaft selbst noch Meister werden können. Stattdessen wurde an allen Brettern bis zum 20.Zug der Punkt geteilt. Merkwürdig. Dass 64 am Samstag gegen die gemittelt pro Brett 150 Elo schwächere zweite Mannschaft von Saratow verliert, ist auch wegen des bisher souveränen Auftritts kaum zu erwarten. Der mutmaßliche Meister ist übrigens eine sehr internationale Truppe. Gelfand kommt aus Israel, Karjakin war bis vor kurzem Ukrainer, Wang Hao ist Chinese, Caruana spielt für Italien, nur Gratschew und Sawtschenko sind Russen.

Interessanterweise trat Eljanow am Freitag nicht an - Opfer einer möglichen Nullkarenzregel oder auf dem Weg zu Werders wichtigem Bundesligakampf am Samstag gegen Solingen, in dem es mindestens um die Vizemeisterschaft geht?

Donnerstag, 8. April 2010

Neues aus der Provinz

Der Berliner Schachverband hat einen neuen Präsidenten. An die Stelle von Matthias Kribben ist Carsten Schmidt getreten (so sieht der neue Vorstand aus). Schmidt hat mit großem Engagement Wahlkampf betrieben, Vereine besucht, um ihre Stimmen geworben. Dass er behauptete, andere Vorstandsmitglieder wollten nur weitermachen, wenn er gewählt wird, war wohl geflunkert, wurde aber von einigen geglaubt.

Kribbens kaum vernommenem Werben um Stimmen zufolge nahm er seinen als schludrig und Schwätzer geltenden Herausforder entweder nicht ernst oder war amtsmüde (oder beides), weil ihm Fernschach im Zweifel oft wichtiger war. 2007 bis 2009 war Kribben zugleich die graue Eminenz hinter dem nominellen Präsidenten Robert von Weizsäcker im Deutschen Schachbund gewesen, war dann aber auch da abgelöst worden von NRW-Verbandschef Weyer.

Besonders engagiert war Kribben schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber er konnte Geld aufstellen. Das brachte Berlin unter anderem im Vorjahr ein GM-Turnier ein, ohne dass der Präsident, wie es früher die Regel war, mitverdiente. Schmidt hat keine vergleichbaren Kontakte. Von Finanzen habe er überhaupt wenig Ahnung, gibt er einigermaßen offen zu. Kein gutes Zeichen in einer Zeit, in der im vorgeschlagenen Budget des Berliner Schachverbands ein 12 000-Euro-Loch klafft. Ein Kenner der Szene fasst die Entwicklung gegenüber dem Schachblogger so zusammen: "Man wählte Provinz und wählte Großstadt ab."

Dienstag, 6. April 2010

Stichkampf gefällig?

Wenn Baden-Baden und Solingen am kommenden Wochenende ihre letzten Kämpfe in der Bundesliga (Vorschau auf der Ligaseite) gewinnen, oder Baden-Baden gegen Mülheim einen Punkt abgibt und Werder Solingen schlägt (die Ausführung einiger weiterer möglicher zu einem Stichkampf führender Szenarien erspare ich Ihnen hier) endet die Deutsche Meisterschaft wieder mal in einem Stechen. Wie der Schachblogger hört, wäre das den Baden-Badenern sogar recht. Dank der höchsten Brettpunktausbeute wäre ihnen die Ausrichtung (im repräsentativen LA8) sicher. Favorit wäre man ohnehin. Vor allem aber winkt den beteiligten Spielern ein feiner Honorarnachschlag.

Donnerstag abend werden übrigens die Aufstellungen von Baden-Baden und Mülheim bekannt gegeben. Anand wurde mit Rücksicht auf seinen WM-Kampf wohl erst gar nicht gefragt, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, aber Carlsen schon. Doch der Norweger hat auch abgesagt.

Montag, 5. April 2010

Smyslows Unglück

Mein Nachruf auf den kürzlich verstorbenen Weltmeister trug wohl den falschen Titel (Smyslows Glück): Als Smyslow nur ein Jahr nach seinem WM-Sieg 1958 den Titel an Botwinnik zurückverlor, dürfte dazu nicht nur eine Lungenentzündung beigetragen haben, sondern auch ein schwerer Schicksalsschlag in seiner Familie: Sein Adoptivsohn Wladimir Selimanow hatte sich zwischen den beiden WM-Kämpfen das Leben genommen. Selimanow war ein starker Juniorenspieler und sowjetischer Teilnehmer der U20-WM, wo er aber gleich zu Beginn gegen Lombardy und Gerusel unterlag und nur Vierter wurde. Das Mobbing nach seiner Rückkehr scheint er nicht ausgehalten zu haben. Diese Geschichte scheint erst durch ein Buch von Isaak und Wladimir Linder öffentlich geworden zu sein, auf das Andy Soltis in der New York Post hinweist.

Sonntag, 4. April 2010

Wächst ein neuer Ray Keene heran?

Hat nun auch die Schachszene ihren Fall Hegemann? Erst 14 Jahre ist Daniel Naroditsky alt und hat gerade sein erstes Schachbuch veröffentlicht. Leider nicht (a la Axolotl Roadkill) Enthüllungen über Drogengebrauch, Sexexzesse und Partieabsprachen im Jugendschach und auch nicht etwa ein leichtfüßiger Stoff, sagen wir eine Sammlung von Schachaufgaben, legt der amerikanische Jungautor vor sondern verspricht Kaufwilligen nicht weniger als "Mastering Positional Chess" (hier der Titel und ein Link zu einer Leseprobe). Dass jede Menge seiner Beispielstellungen samt Einschätzungen geradewegs von anderen, allerdings nicht zitierten Autoren übernommen sind, fiel anscheinend weder den Lektoren seines Verlegers New in Chess noch den Rezensenten auf, wohl aber Lesern einer hymnischen Besprechung auf Chessvibes.

Naroditsky wäre nicht der erste Plagiator im Schach. Diejenigen, die Ray Keenes Arbeit veröffentlichen, ficht dessen unter anderem hier ausführlich aufgedeckte, fortgesetzte, passagenweise wörtliche Abschreiberei offenbar nicht an. Die Parallele geht vermutlich noch weiter. Keene überlässt das Schreiben und Abschreiben weitgehend seinen Knechten. Bei einem 14jährigen liegt der Verdacht nahe, dass er beim Schreiben - vorsichtig ausgedrückt - erhebliche Hilfe hatte. Dass Naroditsky 2007 U12-Weltmeister war (Youtube hat ein TV-Interview nach seiner Rückkehr), aber einigen Gleichaltrigen und Jüngeren inzwischen weit über 100 Elopunkte und um diverse Titelnormen nachhinkt, weckt eher den Verdacht, dass mit dem Buch der schnell welkende Ruhm versilbert werden soll.

Hätte Naroditsky Ambitionen als Spieler, hätte er doch sicher besseres zu tun, als ein 240seitiges Lehrbuch zu schreiben. So etwas rechnet sich eher, wenn er als Schachlehrer etabliert werden soll. Vielleicht schwebt seinem Umfeld für ihn ja eine Karriere a la Josh Waitzkin vor. Den hielt man in den USA übrigens quer durch die großen Medien lange für ein Wunderkind, obwohl er wohl das Gegenteil von einem Talent war, hat er es doch trotz langjähriger Arbeit mit einer Reihe prominenter Trainer nie zum GM gebracht.

Aber nochmal zu Keene, dem der Schachblogger nicht Unrecht tun möchte: Einige seiner frühen Bücher waren sehr gut. Und er hat seine Autorenkarriere ganz sicher nicht als Plagiator begonnen. Um Ray Keene zu werden, müsste Naroditsky ferner ein Interesse an exzellenten Speisen und teurem Wein entwickeln. Im Raum San Francisco, wo er lebt, lassen sich die Buchtantiemen durchaus entsprechend anlegen.

PS: John Donaldson aus San Francisco, der Naroditsky seit Jahren kennt (und einer von dem Keene Länge mal Breite abschrieb oder abschreiben hat lassen), teilt dem Schachblogger mit, er glaube schon, dass der Junge das Buch selbst geschrieben habe. Er sei ein normaler, aber intellektuell weit entwickelter Junge, der im Mechanics Club schon einige Vorträge gehalten habe. Sein Vater, ein ehemaliger Matheprofessor sei jetzt in der Finanzwelt, die Mutter Klavierlehrerin (dass der Sohnemann dazuverdient, sollte die Familie also eigentlich nicht nötig haben, aber wer weiß, die Krise...). Sein Vater und Bruder seien außerdem ebenfalls aktive Schachspieler.

Samstag, 3. April 2010

Hans-Walter Schmitt 58

Der oberste Chesstiger feiert Geburtstag. Wenn er denn Zeit für eine Feier hat in diesen hektischen Wochen. Der Bad Sodener jongliert nämlich mehrere Funktionen. Im Team Anand ist er für Organisatorisches, deutsche Medienkontakte und wohl auch den Computerfuhrpark verantwortlich. Die Chess Classic-Organisation ist heuer umständehalber nicht so aufwändig, weil mehrere Sponsoren ausgefallen sind und das bisher einwöchige Schnellschachfestival heuer auf drei Tage (nämlich 6.-8.August) schrumpft, leider auch auf Kosten des vom Schachblogger gerne empfohlenen Chess960, aka Fischerschach.

Dafür steigt am 9.April der nächste Coup von HWS, nämlich die Eröffnung eines Schachtrainingszentrums (mit eigener Website) in der Bad Sodener Innenstadt. Wo Anand für die WM trainiert hat, können künftig alle Schachliebhaber trainieren. Glückwunsch auch dazu. Für Christian Bosserts Kamera gratuliert der Weltmeister persönlich:
SchmittAnand

Während der WM wird Klaus Bischoff im nagelneuen Chesstigers-Trainingszentrum übrigens die Züge Anands und Topalows erläutern. Schmitt wird dann wohl in Sofia weilen, Daumen drücken, Händchen halten, Fotos schießen und falls es Danailow zu bunt treibt, Gift zurückspritzen.

Freitag, 2. April 2010

Rache für Ivan

In der Zeitschrift Schachwelt juble ich jeden Monat einen Spieler als Aufsteiger hoch und mache einen runter. Absteiger des Monats Februar war bei mir Ivan Sokolov, weil er als Nummer eins der Setzliste in Cappelle-la-Grande nur 85. wurde. Aber kaum war der Redaktionsschluss vorbei, teilte er in Reykjavik auch schon den ersten Platz, und bei der EM hat er wohl auch nicht so übel abgeschnitten.

Dabei hatte ich mir Sokolov ja eigentlich nur vorgeknüpft, um en passent darüber zu schreiben, dass er heuer Direktor des Bosna-Turniers in Sarajewo ist. Nur Wiener halten so was für einen Würstchenwettbewerb. Schachfans sollten wissen, dass hier eine große Schachtradition auf dem Spiel steht. Unter Sokolovs Ägide gibt es heuer kein Rundenturnier (in dem er leztztes Jahr Letzter war, oh je) sondern ein Open, aber ein bärenstarkes mit mehr als 100 0o0 Euro Preisgeld. Ein 2700er hat sich schon angemeldet, Wang Hao, und ein Dutzend 2600er, darunter Naiditsch und Gusti. Sarajewo (wo Sokolov übrigens zumindest vor kurzem noch mit Immobilien handelte) ist eine interessante und lebendige Stadt. Also Empfehlung!

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