Dienstag, 17. Februar 2009

Zurück nach Naltschik

Mit meinem Tipp, dass das Kandidatenturnier 2010 nach Naltschik, den umstrittenen Ort der letzten Frauen-WM, geht, lag ich zugegebenerweise falsch. Es sei denn, UEP findet in Bonn kein Geld und verlegt die drei Runden K.o.-Matches in den durch blutige Kämpfe bekannt gewordenen Kaukasusort. Höchst unwahrscheinlich.

Naltschik kommt rascher wieder, als ich annahm. Nachdem ich der FAZ meinen Hintergrund zum Kandidatenmatch geschickt hatte, machte am Montag Illu in Moskau Sofia bekannt, dass das nächste Grandprixturnier in Karbadino-Balkarien stattfinden soll. Und zwar nicht in der zweiten Aprilhälfte, wie es der Kalender vorsah, sondern schon im März. Wenn das stimmt, sind weitere Aussteiger nach Carlsen und Adams vorprogrammiert. Wer spielt nicht lieber an der Cote d´Azur als Gast von Joop van Oosterom als in einem von bewaffneten Sicherheitskräften umstellten Zweckbau aus Sowjetzeiten?

(Nachtrag) Mittlerweile kursiert die Vermutung, dass Illu zwar März sagte, aber April meinte.

Ob die Serie nun wieder komplett ist mit weiteren Ausrichtungen in Kiew und Jerewan, um die geplatzten Spielorte Doha, Montreux und Karlovy Vary zu ersetzen, ist der Mitteilung bei Chessdom nicht zu entnehmen.

Da spricht Illu auch davon, dass in den laufenden WM-Zyklus nicht eingegriffen werde. Es laufen allerdings zwei WM-Zyklen. Der eine besteht nur noch aus Kandidatenfinale und WM-Finale. Der nächste hat mit dem Grandprix im April 2008 in Baku bereits begonnen. Oder meint der Kalmücke etwa, auf ein Anand-Match verzichten zu können? Das würde immerhin verständlich machen, dass offiziell noch nicht nach einem WM-Ausrichter gesucht wird.

Sonntag, 15. Februar 2009

Capablancas Todesstoß

Würde sich ein Verlag trauen, einen Musikroman von jemand übersetzen zu lassen, der keinen Schimmer von Musik hat, oder einen Kathy Reich-Krimi von jemand, der kein wenig mit dem Jargon von Polizei und Gerichtsmedizin vertraut ist? Wohl kaum. Im Fall von Schachromanen scheint es dagegen eher die Regel als die Ausnahme, dass ihre Übersetzerinnen im Dunkeln tappen, sobald unser Spiel auch nur in die Nähe der Handlung kommt. Was wiederum Rückschlüsse auf die Menschen in den Verlagen zulässt, Lektoren und Programmleiter, die solchen Unsinn beauftragen und in Wahrheit verantworten.

Über Unstimmigkeiten im beim Berlin Verlag erschienen "Zugzwang" von Ronan Bennett habe ich hier schon früher geschrieben. Das wird aber noch erheblich getoppt von zwei Büchern, die ich im Moment zur Rezension vorliegen habe. Dass die Rezensentin des Deutschlandradios den ihr formal zu strengen Roman "Die letzte Partie" von Fabio Stassi gerade Schachspielern ans Herz legt, ist Unfug. Gerade Schachspieler werden sich nämlich über die - ohne Übertreibung - Hunderte falsch übersetzter Stellen ärgern, die beim Zürcher Verlag Kein & Aber durchgewinkt wurden. Was ziemlich schade ist, denn wie Stassi im Leben von José Raul Capablanca die durch dessen Biografen gelassenen Leerstellen füllt, hat durchaus Charme, und überhaupt reklamiert der Italiener mehr Anspruch als etwa Bennetts Historienschmonzette.

In "Roderers Eröffnung" von Guillermo Martinez, das im März bei Eichborn erscheint, beschränkt sich das Schachliche und damit die Pein des schachvertrauten Lesers wenigstens aufs erste Kapitel. Nur wäre es in dem Fall weniger schade, wenn man das Buch danach vorzeitig weglegt. Aber das ist eine andere Geschichte...

PS: Bonaventura hat Stassi übrigens komplett verissen.

Samstag, 14. Februar 2009

Diese Meisterschaft rockte

Mit nur neun teilnehmenden Großmeistern - bei mehr als sechzig in Deutschland - war die an diesem Samstag zu Ende gegangene Meisterschaft in Saarbrücken zwar sportlich nicht gerade der Brüller. Doch gefälliges, ja spektakuläres Schach wurde einiges geboten. Dass keiner der Favoriten - also der Neunationalspieler Chenkin und Fridman oder der künftige Nationalspieler Meier - das Rennen machte, begrüße ich auch. So lasse ich mir auch ein Schweizer System-Turnier gefallen - und nehme nicht meine Kritik am Modus zurück aber mein vor dem Turnier hier geäußertes "Gähnen" .

Spannend war es auch. Nicht nur dass die Spitze mehrmals wechselte. Die Titelentscheidung hing an der letzten laufenden Partie. Der führende Michael Prusikin remisierte mit Weiß vorzeitig und wurde von Arik Braun ein- und nach Wertung wenn auch nur äußerst knapp überholt. Besagte Partie, Baramidze - Braun folgte bis zum 22.Zug der berühmten letzten Romantikpartie von Kramnik, die er 1996 in Dos Hermanas mit Schwarz gegen Kasparow gewann. Dann spielte Braun die von Kramnik im Schachinformator angegebene Verbesserung und bekam rasch die Oberhand. Keine Ahnung, was Baramidze sich bei dieser Eröffnungswahl gedacht hat. Es sei denn, was solche Begegnungen zwischen Freunden in der Schlussrunde (auch ein saublöder Aspekt des Schweizer Systems) ja immer als Verdacht aufwerfen, das ganze Drama wäre geschoben gewesen.

Michael Prusikin hätte ich den Titel auch gegönnt. Aber wer in der letzten Runde schiebt, verdient, überholt zu werden (das sieht wahrscheinlich selbst Michael so). Außerdem hat Arik Braun in Saarbrücken eine Reihe geiler Partien gespielt (Meier, Buhmann...). Glückwunsch an den 21jährigen! Und dass er einen gewissen Spezi des Bundestrainers bald aus dem deutschen A-Team kickt!

Donnerstag, 12. Februar 2009

Eine Übung in Schadensbegrenzung

Dresden war gar nicht das erste Mal, dass Iwantschuk zu einer Dopingkontrolle gebeten wurde. Der Ukrainer hat die Prozedur schon zweimal früher über sich ergehen lassen, wie diesem Bericht von Macauley Peterson zu entnehmen ist.

Ich gönne Iwantschuk seine Begnadigung ja, doch meines Ermessens wäre das ein starker Grund gewesen, ihn für das Abhauen nach der letzten Runde der Schacholympiade nicht straffrei zu lassen. Schließlich bedeutet es, dass Iwantschuk sich weder auf Unwissen noch auf Überraschung berufen konnte, weil er, vorausgesetzt der Schiedsrichter hat normal mit ihm kommuniziert, erkennen konnte, um was es ging.

Es kommt noch besser: Ein Mitglied der Medizinischen Kommission, der deutsche Arzt Hans-Joachim Hofstetter gab gegenüber Peterson überraschend offen zu, dass es bei ihrem Treffen in Wijk aan Zee darum gegangen sei, die richtigen Worte zu finden, damit die Entscheidung, Iwantschuk zu begnadigen, vor der internationalen Dopingagentur WADA bestehen kann.

Man hat aber offenbar nicht anhand der Aussagen von Iwantschuk, dem Schiedsrichter seines Matches und weiterer Augenzeugen rekonstruiert, wie er sich der Dopingprobe entzog. Dann hätte man argumentieren können, dass Iwantschuk außer sich und unansprechbar war.

Die Kommission fand indessen nichts Besseres als offizielle Begründung, als dass Iwantschuk nicht von einem Dopingkontrolleur sondern einem Schiedsrichter zur Urinspende gebeten wurde. Nur war das in Dresden nicht die Ausnahme sondern die Regel. Kein Verweigerer hätte dann bestraft werden dürfen.

Im folgenden stellt Peterson Iwantschuks Begnadigung leider auch noch in den Kontext der Zuschüsse des deutschen Innenministeriums an den Deutschen Schachbund, die an die Einhaltung der nationalen Antidopingregularien - aktuell die Dopingtests bei der Deutschen Meisterschaft in Saarbrücken - gebunden sind. Ausgerechnet dieser Aspekt wird von Chessninja Mig aufgegriffen.

Ich halte es für kompletten Unsinn, dass der DSB auf das Urteil über Iwantschuk Einfluss genommen hat. Um Glaubwürdigkeit der Antidopingpolitik des Schachs vorzuschützen, hätte er schließlich statt einer wachsweichen Ausrede auf eine Sanktion gegen Iwantschuk drängen müssen.

Die FIDE kann von Glück reden, wenn sich diese Übung in Sachen Schadensbegrenzung nicht noch rächt.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Win-Win-Situation

Ausrichter in der Ukraine, Russland, Rumänien, Serbien und Mazedonien aufgepasst: Laut diesem Chessbase-Bericht zahlt der Türkische Verband großzügige Prämien, wenn türkische Spieler bis Jahresende den GM- oder auch WGM-Titel schaffen. Bis zu 25 000 Euro sind da pro Kopf versprochen. Und das, wo eine Norm in Euren Ländern doch für gute Spieler, die eh nur wenige Einsteller ihrer Geg... äh Turnierglück brauchen, schon für ein paar Hunderter und selbst für kleine Lichter für nicht viel mehr als einen Tausender zu haben sind. Oder wird der Türkische Verband tun, was die Deutsche Schachjugend in den letzten Jahren versäumt hatte, nämlich seinen Talenten wenn schon nicht offiziell dann wenigsten in persönlichen Gesprächen mitgeben, dass nur ehrlich erzielte Normen zählen?

Jahr der Zocker und der Abgezockten

Welcher Schachspieler 2008 am meisten verdient hat, wissen selbst die wenigsten Insider. Der New Yorker FIDE-Meister Ylon Schwartz hat seine vier Millionen Dollar allerdings auch nicht am Brett sondern mit den Pokerkarten erspielt, in erster Linie durch das Erreichen des Finaltischs der World Series of Poker.

Welcher Schachspieler 2008 am meisten verzockt hat, nämlich 1,8 Milliarden Dollar und das natürlich nicht am Brett sondern als Fondmanager, ist dagegen dank Wall Street Journal, dort wiederum abgekupfert von Spiegel Online und Independent nun besser bekannt.

Nachtrag 12.Februar:
Wer nicht glaubt, dass Chessbase abkupfert: das lief einen Tag nach diesem Posting. Natürlich ohne jeglichen Hinweis...

Dienstag, 10. Februar 2009

Turnier oder Kurzmatche?

Wenn der übernächste WM-Herausforderer schon unter acht Teilnehmern ermittelt werden soll, voraussichtlich in Bonn im September 2010, was sähe das Schachpublikum dann eigentlich lieber: ein doppelrundiges Turnier jeder gegen jeden oder drei K.o-Durchgänge Kurzmatche über vier Partien mit Stichpartien? Und warum?

Was sich der designierte Veranstalter UEP vorstellt, ist der FIDE-Mitteilung über die Bewerbung zu entnehmen, aber noch ist nichts entschieden, und vielleicht gibt es ja mal eine Debatte, die auch in andere Schachmedien bzw. Foren getragen wird.

Samstag, 7. Februar 2009

Eine seltene Ehre

Nach siebenjähriger Unterbrechung (falsch, siehe erster Kommentar) holt der Deutsche Schachbund seinen Deutschen Schachpreis aus der Versenkung. Dort hätte im Prinzip gerne bleiben dürfen, was 1977 als Medienpreis des DSB begann und in den wenigsten Fällen jemand verliehen wurde, der es auch verdient hatte (Pfleger ging 1982 in Ordnung, Werner Harenberg und Matthias Wüllenweber auch noch...), dem peinlichen Claus Spahn sogar zweimal - wohlmöglich wurde der Name des Preises deshalb geändert?

Doch Überraschung. Dieses Mal geht der Preis an jemand, der ihn so richtig doll verdient hat, nämlich Björn Lengwenus. Eine Auswahl der Verdienste der Hamburger Kinderschachpopularisators (der als Leiter einer Hauptschule in einem sozial schwachen Stadtteil wirklich nicht an zu viel Freizeit leidet) ist der Pressemitteilung zu entnehmen. Christian Zickelbein wird bei der Übergabe am Dienstag in Hamburg die Laudatio halten.

Freitag, 6. Februar 2009

WM 2011 in Sicht, aber was ist mit der WM 2009?

Alle Achtung. Josef Resch lässt sich von der Weltfinanzkrise nicht unterkriegen. Oder soll man sagen, der russlanddeutsche Rohstoffhändler und Schachveranstalter hat die Chance genutzt, um billig einzukaufen? Seine UEP hat sowohl für das Kandidatenturnier 2010 als auch für die WM 2011 Angebote an die FIDE abgegeben, wie der Weltverband an diesem Freitag bekanntmachte. Bonn ist für beide Wettbewerbe als wahrscheinlicher Austragungsort angegeben. Ich vermute aber mal, das wird letztlich von den Sponsoren abhängen. Die Unsicherheit, wie der übernächste Herausforderer ermittelt wird, ist damit wohl beendet. Kein Match zwischen Grandprixsieger und Weltcupsieger sondern ein Achterturnier mit mindestens einer Wildcard für Veranstalter UEP. Insider tippen auf Kramnik.

Während die übernächste WM also einen Veranstalter hat, ist nicht bekannt, wo, wann und für wie viel Preisgeld Anand seinen Titel gegen den Sieger des in zehn Tagen beginnenden Kandidatenmatches Topalow - Kamsky verteidigt. Merkwürdig.

Nachtrag 12.Februar:
UEP hat mittlerweile bei Chessbase und Chessvibes ein Statement veröffentlicht, das auf die merkwürdige Optik ebenso wenig eingeht wie auf die Bestimmung des Ausrichterfreiplatzes im Kandidatenturnier.

Deutsche Meisterschaft, gähn

Die Deutsche Meisterschaft in Saarbrücken hat begonnen. Mit sehr guter Besetzung meint die Website des Deutschen Schachbundes. Mit einem noch mäßigeren Feld als sonst schon meint der Schachblogger. Acht Saarländer dürfen mitspielen, weiß der Saarländische Rundfunk. Der mit weitem Abstand stärkste Saarländer, Leo Kritz, ist übrigens nicht dabei.

Aufgrund solcher Turniere wird der Titel Deutscher Schachmeister auch künftig nicht an Wert gewinnen. Der Modus - bisher neun Runden Schweizer System - gehört seit langem auf den Misthaufen, gilt aber als unreformierbar, weil die Landesfürsten aufmucken würden, wenn ihre Landesmeister und mancher Vizemeister oder Extrasaarländer nicht mitspielen darf. Dabei gäbe es eine leichte Lösung: 32 Plätze, doppelrundiges K.o.-System, wer ausscheidet, wird in einem Schweizer System-Turnier aufgefangen oder darf wahlweise abreisen. Da würden sich dann im Lauf des Wettbewerbs auch die Schachöffentlichkeit und die Medien interessieren.

Der einzige Grund, warum die Meisterschaft heuer etwas überregionales Medieninteresse hervorruft (zumindest einen wenig faktentreuen Artikel in der Süddeutschen, wobei deren sonstiger Schachexperte Martin Breutigam nicht als Autor zeichnet und in Schutz zu nehmen ist), sind die Dopingkontrollen.

Ein wichtiger Fakt ist aber weder im schon erwähnten Artikel noch in der (wie oben geschildert verständlicherweise) desinteressiert wirkenden Chessbasevorschau erwähnt: Der dreimalige Deutsche Meister Thomas Luther hat den vor dem Wettbewerb an alle Teilnahmeberechtigen verschickten Antidopingvertrag nicht unterzeichnet und fehlt aus diesem Grund. Nach einem schwachen Jahr 2008 läuft der Erfurter gerade wieder zu Form auf, hat innerhalb einer Woche Sutovsky und Andrei Sokolov geschlagen, und hätte wohl ein gewichtiges Wörtchen um den Titel mitzureden gehabt. Wird Zeit, dass wenigstens gehört wird, was Luther zum Antidoping im deutschen Schach zu sagen hat.

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